Sport : Sohn Mannheims

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Von Helmut Schümann

Miyagi. Ümit Davala hatte Zeit und Lust zum Plaudern. Der Türke mit der gewöhnungsbedürftigen Frisur hatte seine Mannschaft gerade ins Viertelfinale geköpft und sprach vom „guten Gefühl, dass wir unserem Volk zu Hause so viel Freude machen“ und dass „man den türkischen Fußball jetzt hoffentlich auch international respektieren wird“. Denn zurzeit sei das ja nicht so toll mit dem Respekt, man müsse sich ja nur mal den WM-Spielplan anschauen, der Viertelfinalgegner Senegal habe immerhin zwei Tage mehr Pause und sei dadurch im Vorteil. „Und jeder Tag, den du hier mehr Pause hast, ist wichtig. Aber wir glauben dennoch an unsere Chance.“ Nichts gegen Senegal, denn eigentlich hätten die WM-Organisatoren ja die Franzosen oder Dänemark oder Uruguay als Repräsentant der Gruppe A erwartet, etablierte Fußball-Nationen halt.

Ümit Davala war trotzdem zufrieden, mit sich und dem türkischen Fußball. Der sei ja nicht zufällig so weit nach vorne gekommen, nach all den Erfolgen der Vereinsteams. Zuletzt, im Jahr 2000, hatte Galatasaray Istanbul den Uefa-Cup gewonnen. Wenn nicht gerade WM ist, spielt Davala für den AC Milan, für die kommende Saison ist er bereits an Galatasaray Istanbul ausgeliehen. Auch das erzählte er mit stark badischem Akzent. Ümit Davala hat 20 Jahre lang in Mannheim gelebt. Seine Karriere ist typisch für türkische Fußballer in Deutschland. Von Waldhof Mannheim ging er nach der A-Jugend nach Anatolien, wo er sich bei Afyonspor in das Blickfeld der großen türkischen Klubs spielte. Später wechselte er zu Galatasaray und gewann auch prompt den Uefa-Cup mit dem türkischen Renommierklub. Mit seinem damaligen Trainer Fatih Terim wechselte er 2001 zum AC Milan. Terim ist längst entlassen, Davala jetzt ein kleiner Held in der Türkei, nach diesem Tor, das so gar kein typisch türkisches, will sagen: verspieltes war. In der zwölften Minute hatte er einen Eckstoß von Penbe wuchtig ins Netz geköpft, „und dabei hat mir mein aerodynamischer Haarschnitt sicherlich auch ein wenig geholfen“. Vielleicht hilft ihm seine seltsame Frisur ja auch im Viertelfinale weiter.

Vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft hatten die Türken es auch so weit geschafft, doch dann war Endstation. 0:2 unterlagen die Türken damals den Portugiesen. Das soll diesmal anders werden. „Wir haben einfach mehr Erfahrung als noch bei der Europameisterschaft, viele von uns spielen in großen Klubs in der Champions League“, sagt Ümit Davala. Nein, seit jenem Turnier hätte sich seine Mannschaft weiterentwickelt. Der ehemalige Mannheimer erklärt: „Jetzt müssen wir noch drei Spiele gewinnen, dann werden endlich alle wissen, wie stark die Türkei ist.“ Das freilich wäre die Vollendung des türkischen Fußballmärchens.

Die Geschichte der japanischen Fußballer dagegen wurde an diesem kalten, regnerischen Tag fürs Erste beendet. Es gab noch ein Bild am Ende im Stadion, eigentlich ein schönes, ein melancholisches Bild: Einer der Zierballons, aufblasbare Fußbälle, hatte sich gelöst, ein wenig Luft war aus dem Plastikball entwichen, langsam schwebte der deformierte Fußball über den Rasen, stieg hoch im Regen, hoch über die Tribüne, hinaus aus dem Stadion. Die Türken hatten Ernst gemacht.

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