Sport : Spätere Heirat nicht ausgeschlossen

Weshalb der österreichische Weltklasse-Abfahrer Josef Strobl in der kommenden Saison für Deutschland starten will

Frank Bachner

Berlin. Nach einer halben Stunde schaltete „Tirol aktuell“ Josef Strobl ins Studio. Und Strobl fand, dass es nun auch höchste Zeit sei. Es lief nämlich nicht so , wie er sich das vorstellte.. Die Hörer der Radiosendung durften über die Frage abstimmen: „Verstehen Sie, dass Strobl den österreichischen Skiverband verlassen will?“, und bis dahin hatten die meisten Leute „Nein“ gesagt. Strobl ist immerhin ein Weltklasse-Abfahrer, 1997 und 2000 jeweils Dritter im Gesamtweltcup. Dann durfte Strobl reden, er hatte es mit den Radioleuten verabredet. Er sagte, dass er in der nächsten Saison wohl für Deutschland Skirennen fahren werde, weil er sich getäuscht fühle. Weil ihm Österreichs Cheftrainer Toni Giger nach der Abfahrt in Wengen versichert habe, er sei bei der Ski-WM in St. Moritz dabei. Und dass Giger ein paar Tage später, nach der Abfahrt in Kitzbühel, wo Strobl nur 14. wurde, anrief und sagte, er sei nun doch nicht dabei. Strobl redete schnell im Radio, sein Zorn kam durch, und anschließend riefen weitere Hörer an. „Die meisten“, sagt Strobl, „waren dann auf meiner Seite.“

Er meint es ernst mit dem Wechsel. „Es wird konkret, und Deutschland als Alternative liegt nahe.“ Mit Peter Schröcksnagel, dem Chef des österreichischen Skiverbandes (ÖSV), wird er nach der WM über eine Freigabe reden. „Wenn’s sein muss“, sagt Strobl, „lege ich auch die österreichische Staatsbürgerschaft nieder und werde Deutscher.“ Martin Oßwald, der deutsche Cheftrainer, hatte ihm schon vor drei Jahren gesagt: „Heirate meine Tochter, dann wirst du Deutscher.“ Damals war das ein Scherz. Jetzt sagt Oßwald: „Den nehme ich mit Handkuss.“ Strobl braucht natürlich eine Freigabe, und er müsste eingebürgert werden. Wie schnell das geht, und ob es überhaupt klappt, ist offen.

Aber es geht natürlich nicht bloß um ein gebrochenes Wort. Strobl will „endlich mal sicher einen Startplatz haben“. Aber in Österreich kämpfen elf Weltklasseabfahrer und neun Super-G-Stars um wenige WM-Plätze und Weltcup-Tickets. Die Konkurrenz ist brutal. „Wenn du einmal stürzt, steht sofort der Nächste da“, sagt Strobl. Der 28-Jährige wurde in dieser Saison Dritter in der Abfahrt in Gröden und Zweiter im Super-G in Lake Louise, aber in Österreich ist das gar nichts. In Deutschland dagegen wäre einer wie Strobl die klare Nummer eins im Team.

Doch im Ski-Zirkus mischen ja auch noch das Fernsehen und die Marketingstrategen mit, und deshalb will nicht bloß Strobl weg. Die österreichischen Weltklasse-Abfahrer Andreas Schifferer und Klaus Kröll denken auch an einen Wechsel. Die beiden sind zwar bei der WM, aber sie dürfen keine Abfahrt bestreiten. Das ist die Königsdisziplin im alpinen Skisport. Dafür rücken Fritz Strobl und, vor allem, Hermann Maier nach. Ausgerechnet Maier, der Medienstar, der gerade erst sein Comeback inszenierte und noch kein Topresultat in der Abfahrt hat. Sportliche Gründe sprächen für Maier und Fritz Strobl, behauptete Chetrainer Giger. Aber offenbar haben Sponsoren und wohl auch das Fernsehen Druck gemacht. Wenn Maier fährt, ist eine Topquote garantiert. Und dann ist ja auch noch Schröcksnagel, der ÖSV-Präsident, der persönliche Manager von Maier. „Wenn man die Augen aufmacht, sieht man doch, wie die Mechanismen laufen. Das Ganze ist unfair“, sagte Schifferer der „Kronen-Zeitung“.

Nur, Schifferer und Kröll werden wohl Österreicher bleiben. Ihr Zorn, sagen Experten, wird bald vorbei sein. Strobl aber hat sich schon mit der Familie und den Freunden beraten. „Die stehen zu mir.“ Und Stephan Eberharter habe angerufen, der zurückhaltende Teamkollege von Strobl. „Der hat gesagt, meine Ausbootung sei ein Witz.“ Strobl war gerührt. „Denn der Eberharter“, sagt er, „meldet sich normalerweise kaum.“

Zwei persönliche Sponsorenverträge hat Josef Strobl, beide laufen 2003 aus, „von der Seite steht einem Wechsel nichts im Weg“. Und dass ihm ein Fan mailte, er sei ein „schlechter Österreicher“, das steckt er weg. Er hat jetzt Übung darin, Reaktionen wegzustecken. „Als ich vor zwei Jahren die Abfahrt in Wengen gewann“, sagt Strobl, „habe ich nur halb so viele Anrufe erhalten wie jetzt.“

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