Spanien und Italien : Vorsprung durch Taktik

Spanien und Italien waren die stärksten Mannschaften der EM – vor allem, weil in diesen Ländern und Ligen die Ausbildung der Spieler am gründlichsten ist.

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Alles in den Händen. Die Anweisungen von Cesare Prandelli (links) und Vicente del Bosque waren bei dieser EM viel wert.
Alles in den Händen. Die Anweisungen von Cesare Prandelli (links) und Vicente del Bosque waren bei dieser EM viel wert.Foto: AFP

Nun hatte er es endgültig übertrieben. Vier Verteidiger, sechs Mittelfeldspieler, kein echter Stürmer, das konnte nicht gutgehen. Nach dem 1:1 im ersten Gruppenspiel gegen Italien wurde Spaniens Trainer Vicente del Bosque kritisiert. Nicht nur in der Heimat. Nach dem Motto: Jedes Kind wisse doch, dass es ohne Mittelstürmer viel schwerer ist, ein Tor zu erzielen. Und darum geht es nun mal im Fußball. Von einem Fehlstart des Titelverteidigers wurde gar gesprochen.

Cesare Prandelli erntete dagegen viel Lob. Er hatte nur drei Mann in der Abwehr aufgeboten, um den Spaniern im Mittelfeld fünf Spieler gegenüberzustellen. Die sollten den Raum eng machen, um so das Kurzpassspiel des Titelverteidigers so stören. Der Plan ging auf und Italien wurde als Sieger des Unentschiedens gefeiert.

Drei Wochen später hat sich die Wahrnehmung darüber verändert. Spanien und Italien waren die besten Mannschaften der Europameisterschaft, dass sie den Titel unter sich ausmachen, ist nur konsequent. Aus taktischer Sicht haben sie das Geschehen dominiert, waren innovativ und in der Lage, auf neue Spielsituationen oder unterschiedliche Ausrichtungen der Gegner zu reagieren. Spanien spielte in beiden Duellen mit Italien ohne echten Mittelstürmer, um den großgewachsenen und hervorragend aufeinander abgestimmten Verteidigern Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini keinen konkreten Fixpunkt zu liefern.

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Mario Balotelli, Angriff. Wie schön, dass es noch Wahnsinnige im Fußball gibt. Wie schade, dass der Wahnsinnige das Genie in sich ausgerechnet im Halbfinale gegen die deutsche Mannschaft herauskramen musste und zwei Tore erzielte.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Reuters
01.07.2012 15:08Mario Balotelli, Angriff. Wie schön, dass es noch Wahnsinnige im Fußball gibt. Wie schade, dass der Wahnsinnige das Genie in sich...

Die Mittelfeldspieler sollten ständig in Bewegung sein und ihre Positionen wechseln, um abwechselnd in die sich irgendwann auftuenden Lücken zu stoßen. Gegen Irland und Kroatien mit ihren langsamen Abwehrspielern bot Vicente del Bosque dann wieder den noch immer beweglichen Angreifer Fernando Torres auf, auch wenn der nicht mehr ganz so schnell ist wie noch vor vier Jahren. Nur im Halbfinale ging del Bosques Plan mit dem hüftsteifen Alvaro Negredo im Sturmzentrum nicht auf. Spaniens Trainer korrigierte seinen Fehler zur Halbzeit, als das Spiel seiner Mannschaft später noch immer statisch war, scheute er sich nicht, den Strategen Xavi vom Feld zu nehmen um mit den Flügelstürmern Pedro und Jesus Navas die portugiesische Abwehr auseinander zu reißen.

Cesare Prandelli war noch kreativer, was die Formation seiner Spieler angeht. Zu Beginn der EM, gegen Spanien und Kroatien, begann er mit drei statt der üblichen vier Abwehrspieler und ließ mit einem Mann mehr im Mittelfeld agieren. Die Taktik war aus der Not geboren, weil der zentrale Verteidiger Andrea Barzagli verletzt fehlte. Bei seiner Rückkehr stellte Prandelli wieder auf vier Verteidiger um, wechselte aber weiter munter hin und her. Bei keiner anderen Mannschaft kamen so viele Spieler zum Einsatz wie bei Italien. Außer den beiden Ersatztorhütern Morgan de Sanctis und Salvatore Sirigu bekamen vor dem Finale nur Angelo Ogbonna vom Zweitligist FC Turin und Nachwuchsstürmer Fabio Borini vom AS Rom keinen Einsatz. Del Bosque vertraute dagegen einem kleineren Kreis von Spielern, die aber alle in verschiedenen Systemen spielen können.

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