Sport : Spektakel statt Skandale

Mailands Finaleinzug überstrahlt die Vergangenheit

Vincenzo Delle Donne[Mailand]

Es gab in letzter Zeit wenig zu feiern für Silvio Berlusconi. Deshalb wollte sich der ehemalige italienische Ministerpräsident und Präsident des AC Mailand die Möglichkeit dazu am Mittwochabend nicht entgehen lassen. Gerade hatte sein Klub dem hoch gehandelten englischen Tabellenführer Manchester United im Halbfinale der Champions League eine demütigende Fußballlehrstunde erteilt, da ergriff der 70-Jährige das Wort. „Die Mannschaft hat sich auf ihre Mission besonnen, nämlich stärker zu sein als Missgunst und Ungerechtigkeit!“

Mit „Missgunst“ dürfte er gemeint haben, dass sein Traditionsklub nach Bekanntgabe des Fußballskandals beinahe in die Zweitklassigkeit verbannt worden wäre. Und mit „Ungerechtigkeit“ dürfte der Medienmogul darauf anspielen, dass der AC Mailand nach dem Fußballskandal einen Meistertitel abgeben musste und in dieser Saison aufgrund von Strafpunkten im Rennen um die italienische Meisterschaft chancenlos war. Doch Mailands nie gefährdeter 3:0-Erfolg und der damit verbundene Einzug ins Finale der Champions Leage gegen Liverpool ist Balsam auf die skandalgeschüttelte Seele der Tifosi. Das Hinspiel hatte Mailand noch mit 2:3 verloren. Doch das Fußballspektakel, mit dem der AC Mailand das Starensemble von Manchester United in die Schranken verwiesen hat, überstrahlt den Blick in die trübe Vergangenheit.

Manchesters Trainer Alex Ferguson hatte vergessen, wie man die Hauptakteure des Gegners ausschaltet. Der begnadete Filigrantechniker Kaká bedankte sich erneut mit einem Treffer der Extraklasse. Der 24 Jahre alte Brasilianer durfte zwei Spiele lang ohne besondere Manndeckung agieren und schoss alleine drei der insgesamt fünf Tore, die Milan in beiden Spielen erzielte. „Das Spiel heute war die Inszenierung des perfekten Fußballs“, schwärmte Mailands Trainer Carlo Ancelotti. Eine Fußballlehrstunde für Manchester, dessen Stars Paul Scholes, Wayne Rooney und Cristiano Ronaldo hilflos über den Mailänder Rasen trabten. Besonders dem portugiesischen Star Ronaldo gelang fast nichts. Der 22-Jährige leistete sich erstaunliche Fehler. Das 2:0 von Clarence Seedorf war fast eine Kopie von Kakás Führungstreffer, ihm ging ebenfalls ein Abwehrfehler voraus. Alberto Gilardinos Kontertor entschied das Spiel. „Wir haben eine perfekte Fußballinszenierung abgeliefert, obwohl niemand einen Pfifferling für uns gab“, sagte der italienische Weltmeister. Ein bisschen fühle er sich aber auch an das WM-Finale erinnert.

Bedenkt man, dass sich Mailand nach dem Skandal durch die Milde der italienischen Fußballgerichte in die Qualifikationsrunde der Champions League hineingemogelt hatte, wirkt die Finalteilnahme wie ein Wunder.

Gegen den FC Liverpool hat der AC Mailand im Finale am 23. Mai in Athen noch etwas gutzumachen. Vor zwei Jahren hatte der Klub in der Champions League eine denkwürdige Finalniederlage gegen Liverpool erlitten. Nach einer 3:0-Führung zur Halbzeit kassierten die Italiener in der zweiten Halbzeit drei Gegentore und verloren schliesslich im Elfmeterschießen. „Lasst uns jetzt den Pokal holen, den uns Liverpool 2005 weggeschnappt hat“, sagte Berlusconi, „Milan hat die Mission zu siegen.“ Nach einem solchen Spiel kann sich Silvio Berlusconi große Wort erlauben.

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