Sport : Spitzenmannschaft wider Willen

Hertha macht beim 1:0 einen Schritt nach oben – doch Stevens will nichts davon wissen

Klaus Rocca

Berlin. Auf dem Weg zur Kabine wurde Dieter Hoeneß vom Erfolg eingeholt – in der Gestalt eines Reporters, der ihm anerkennend auf die Schulter klopfte. Derartige Vertraulichkeiten mag der Manager von Hertha BSC nicht besonders. Doch an diesem Samstag wollte er sich die gute Laune nicht verderben lassen. Plumpe Gestik hin, schlechtes Wetter her: Dieter Hoeneß war zufrieden mit sich und der Fußball-Bundesliga nach diesem 1:0-Sieg bei Hannover 96. Das ließ er auch bei der Beurteilung der ersten Halbzeit erkennen. „Besser kann man eigentlich nicht spielen. Das war perfekt“, sagte Hoeneß.

Auf die zweiten 45 Minuten wollte er nicht näher eingehen. Musste er auch nicht. Nach einem Sieg, mochte er auch noch so knapp ausgefallen sein, hat die eigene Mannschaft fast alles richtig gemacht. Erst recht, wenn der Sieger nach Wochen der Tristesse plötzlich wieder voll im Geschäft ist. So wie Hertha nach dem Sieg in Hannover.

Von Hoeneß’ Euphorie wollte sich Huub Stevens jedoch nicht anstecken lassen. Das Wort von der Spitzenmannschaft, das Herthas Trainer kürzlich so erbost zurückgewiesen hatte, wagte im Niedersächsischen in seiner Gegenwart niemand in den Mund zu nehmen. Gestern, in Berlin, wies Stevens jeden Versuch zurück, den Erfolg zu überhöhen. „Es gibt überhaupt keinen Grund, überheblich zu sein. Wir haben nach der Pause nicht gut gespielt, haben da viel zu weit hinten gestanden und bei den Kontern versagt“, bemängelte er. Immerhin, die Mannschaft sei auf einem guten Weg. „Aber wir sind noch lange nicht da, wo wir hin wollen.“

„Realistisch“ ist ein Lieblingswort von Stevens. Dem entsprach auch seine Einschätzung des Spiels in der AWD-Arena. Schließlich hatte es Hertha dort nicht mit einem Spitzenteam zu tun, sondern mit einem Aufsteiger. Hannover 96 hat vor dem für Berliner Verhältnisse ungewöhnlich fanatisch mitgehenden eigenen Publikum lediglich einmal (gegen Wolfsburg) gewinnen können. Wer wie Hertha hohe Ansprüche hat, der muss solch ein Spiel gewinnen.

In der vergangenen Saison stand Hertha nach dem 13. Spieltag mit 23 Punkten auf dem fünften Tabellenplatz. Der Abstand zum Spitzenreiter Leverkusen betrug da schon zehn Punkte, der zum Zweiten (FC Bayern) acht, zum Vierten (Dortmund) immerhin noch fünf. Selbst eine Serie von fünf Siegen und einem Unentschieden brachte die Berliner nicht entscheidend nach vorn. Diesmal ist Hertha selbst nach so vielen Enttäuschungen hervorragend im Rennen. Borussia Dortmund steht als Tabellenzweiter gerade mal zwei Punkte vor Hertha BSC. Dass die Berliner wieder träumen dürfen, haben sie wohl weniger sich selbst zu verdanken als der schwächelnden Konkurrenz.

Dennoch: Bei allen Defiziten hat Stevens in Hannover auch erkannt, dass die Mannschaft mit Leidenschaft mitzieht. Er machte das besonders an Marko Rehmer fest. Der hatte sich, von einem Virus geschwächt, noch kurz vor dem Spiel bei der Fahrt zum Stadion auf der Toilette des Mannschaftsbusses erbrochen. „Marko hat als Kapitän der Mannschaft gegenüber ein Zeichen gesetzt, indem er so lange mitgemacht hat, bis er mit seinen Kräften am Ende war“, lobte Stevens.

Ob der Einsatz von Rehmer aber auch aus medizinischer Sicht zu vertreten war? Solche Fragen hört Herthas Trainer gar nicht gern. „Wir haben uns mit der medizinischen Abteilung abgesprochen. Das Risiko war kalkulierbar“, sagt Stevens. Spätestens nach Rehmers Ausscheiden wurde klar, dass er dieses Risiko bewusst eingegangen war. Arne Friedrich, zuvor gegen Idrissou stark, hatte mit Bobic weitaus größere Schwierigkeiten als der kränkelnde Rehmer. Dabei ist Friedrich wie Rehmer Nationalspieler. Doch er befindet sich, nach gerade einem Vierteljahr in der Bundesliga, erst am Anfang seines Weges nach ganz oben. Wie Hertha?

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