Sport : Spitzenreiter, Außenseiter

Die Williams-Schwestern dominieren die Tennis-Welt – den Zuschauern gefällt das nicht

Benedikt Voigt

London. Geoff Newton war überrascht, als ihm Venus Williams auf dem Centre Court von Wimbledon vor 14 000 Zuschauern einen kleinen Fotoapparat in die Hand drückte. Das Mitglied des All England Club sollte sie mit ihrer Schwester Serena nach dem gemeinsamen Finale auf dem Rasen der Tennis-Arena fotografieren. Es dauerte etwas, bis der ältere Herr mit der Technik zurechtkam, weshalb Venus Williams um die Qualität der Fotos fürchtete. „Es wäre besser, wenn die Bilder etwas werden würden.“

Wäre auch noch schöner, wenn ihre Selbstüberwindung vom 5. Juli 2003 nicht im Familienalbum dokumentiert wäre. Die ältere der beiden Williams-Schwestern bestritt trotz einer Verletzung das Wimbledon-Finale 2003, das sie, als die Schmerzen größer wurden, gegen ihre kleinere Schwester 6:4, 4:6, 2:6 verlor. Wegen einer Bauchmuskelzerrung hatte Venus Williams überlegt, nicht zu spielen. „Ich habe es fürs Team gemacht“, sagte sie. Sie glaubte, gegen ihre Schwester spielen zu müssen. „Wegen allem, was passiert ist.“

Zum zwölften Mal traten sie gegeneinander an, zum sechsten Mal in einem Grand- Slam-Finale. Immer mussten sie Gerüchten entgegentreten, der Ausgang der Geschwister-Duelle sei abgesprochen. „Serena und ich sind für Sachen beschimpft worden, die nie passiert sind“, sagte Venus Williams. Inzwischen spielen sie nur bei Grand-Slam-Turnieren gemeinsam, für ein Masters-Turnier meldet sich jeweils nur eine an. Ein Rückzug vor dem Wimbledon-Finale hätte aussehen können, als würde Venus ihrer Schwester den Sieg schenken. „Weil Serena die Gegnerin war, habe ich Druck gefühlt, spielen zu müssen.“

So verhinderte sie, dass das Image der Schwestern weiter beschädigt wird. Die Williams-Twens sind beim Publikum nicht sonderlich beliebt. Das musste Serena Williams im Halbfinale von Paris spüren, als das Publikum sie mit Pfiffen bedachte. Auch bei einem Turnier in Kalifornien sind die beiden ausgebuht worden. „Serena muss das, was bei den French Open passiert ist, als Kompliment nehmen“, sagt die ehemalige Profispielerin Tracy Austin, „es ist passiert, weil sie zu gut ist.“

Dominanz macht unbeliebt. Das ließ das Publikum in New York auch Martina Navratilova spüren, als sie 1984 das US-Open-Finale gegen Chis Evert bestritt. „Da wirst du dafür bestraft, dass du sehr gut bist“, sagte die Tennislegende. Den Williams-Schwestern, die der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas angehören, passiert ähnliches. Das Endspiel von Wimbledon war bereits das fünfte von sechs Grand-Slam-Finals in Folge, das sie unter sich ausmachten. Seit einem Jahr führt Serena Williams die Weltrangliste an. „Die Fans wollen unterschiedliche Spieler an der Spitze sehen“, sagt Tracy Austin.

Doch die Schwestern aus dem Ghetto Compton machen sich auch selber unbeliebt. Im Tenniszirkus gelten sie als arrogant, weil sie sich abschotten. Sie reisen mit großer Entourage, die unter sich bleibt. Neben der Mutter Oracene Price füllten in Wimbledon die drei älteren Schwestern Lyndrea, Isha, Yetunde und einige junge Männer die Familienbox. Richard Williams, der auf Wunsch von Serena und Venus nach London gekommen war, saß abseits seiner Familie. Der Vater, der den Mädchen im Alter von fünfeinhalb Jahren das Tennisspielen beibrachte, ist von seiner Frau geschieden.

Richard Williams glaubt, dass die Unbeliebtheit auch Rassismus ist. „Die Tennis-Welt ist zu weiß für uns“, sagte er der „Times“. Auch der „Guardian“ schrieb: „In Wimbledon gibt es nur wenige braune oder schwarze Gesichter unter den Zuschauern, nur wenige Fans und Reporter haben Verständnis dafür, wie es ist, wenn man eine schwarze Hautfarbe hat.“ Navratilova dagegen sagt: „Das ist nicht Rassismus. Es ist nur so, dass man den Außenseiter unterstützt.“

Wen aber unterstützt das Publikum, wenn Williams gegen Williams spielt? „Das Familienduell ist eine der ungewöhnlichsten Geschichten“, sagt BBC-Kommentator John McEnroe, „aber auch eine der schlimmsten.“ Das Finale gab erneut zu Spekulationen Anlass. Die schwache Leistung von Serena im ersten Satz wunderte McEnroe. Beim Satzball von Venus stellte sie sich zweimal seltsam zum Ball. „Das wäre einem normalen Klubspieler nicht passiert“, sagte McEnroe. Auch schlugen beide Schwestern so langsam auf wie gegen keine andere Gegnerin zuvor.

Dem Finale fehlte die Dramatik. Überrascht hat das keinen, besonders nicht den Vater. Richard Williams flog bereits vor dem ersten Ballwechsel in die USA zurück.

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