Spitzenreiter : HSV: Immer weiter nach vorn

Wie der Hamburger SV mit begeisterndem Offensivfußball die Tabellenspitze der Bundesliga verteidigt hat - und Trainer Bruno Labbadia rhetorisch damit umgeht.

Frank Heike[Hamburg]
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Konzentration aufs Wesentliche. Hamburgs Stürmer Eljero Elia (rechts) lässt den Ball nicht aus seinem Blickfeld.Foto: dpa

Bei aller gebotenen Vorsicht muss man sagen: Es ist erstaunlich, was Bruno Labbadia seiner Mannschaft in nur 13 Wochen im Job beigebracht hat. Das 3:1 gegen den VfB Stuttgart war nach dem 4:2 in Wolfsburg und dem 4:1 gegen Dortmund der nächste Hamburger Höhepunkt. Womöglich aus seiner eigenen Geschichte als Stürmer ableitbar, will der Trainer Labbadia einen unermüdlichen Angriffsfußball sehen, der beim ersten Treffer nicht stoppt. Das ist die größte Veränderung, die erfreulichste Neuigkeit vom Fußball der Marke HSV. „Wir spielen weiter nach vorn, wir verwalten das Ergebnis nicht. Deswegen macht es gerade so viel Spaß“, sagte Angreifer Mladen Petric.

Labbadia selbst hat sich eine defensive Rhetorik verordnet. Vermutlich aus der Erfahrung, die er in der vorigen Saison mit Leverkusen gemacht hat. Nach ebenfalls spektakulärer Hinrunde stürzte seine Mannschaft am Ende böse ab. Also hatte Labbadia auch nach dem dritten Heimsieg nacheinander etwas auszusetzen: „Wir haben uns nach dem 2:0 in einen Rausch gespielt und sind etwas nachlässig geworden. Das darf nicht passieren.“

Es war aber allzu menschlich, dass sein berauschtes Team nach dem schönen Tor durch Eljero Elia mehr wollte, weil es die Arena auch so verlangte. Die Spielzüge liefen wie vorbestimmt über Jarolim, Zé Roberto und Petric. Etwas zu sorglos, holte der HSV die schwachen Stuttgarter zurück ins Spiel: Pogrebnjak schloss einen Konter zum 1:2 ab. Doch dem VfB fehlte es an Aggressivität und Genauigkeit, um den HSV noch ernsthaft zu bedrängen. „Wir haben furchtbar schlampig gespielt“, sagte Manager Horst Heldt später.

Zé Robertos Tor zum Endstand in der Nachspielzeit nahm den Wettbewerb um den schönsten Treffer des Nachmittags auf, wobei Petrics 1:0 nach Doppelpass mit Elia noch etwas hübscher gewesen war. Der Stuttgarter Teamchef Markus Babbel sagte dazu: „Manchmal sollte man die eigenen Leute nicht kritisieren, sondern einfach zugeben: Das war wunderbar gemacht.“ Wunderbar ist es auch, was der 35 Jahre alte Zé Roberto anstellt. Bislang ist dieser Transfer der Geniestreich der Saison. Alle rannten zu ihm, nachdem er das 3:1 geschossen hatte. Der Respekt der Kollegen ist riesig. Und neben Zé Roberto kommen auch die Qualitäten David Jarolims noch besser zum Tragen.

Der HSV war mit dem Grundton Moll in dieses Spitzenspiel gegangen. Paolo Guerrero und Collin Benjamin kamen von wertlosen Länderspielen mit zerfetzten Kreuzbändern zurück. Beide stehen in der Hackordnung der Mannschaft weit oben; Guerrero war der beste Spieler der Frühphase dieser Saison. „Wir haben ein, zwei Tage gebraucht, um uns von diesem Schock zu erholen“, sagte Labbadia, „es geht ja nicht nur darum, dass sie uns heute gefehlt haben. Sie fallen ja für einen Großteil der Saison aus.“ Ob noch jemand geholt werden soll (der Name des vereinslosen Ebi Smolarek kursiert in Hamburg), wollte Labbadia nicht sagen.

So oder so muss der HSV in den englischen Wochen bis Anfang Oktober mit einem Kader von 21 Profis auskommen. Labbadia setzt auf die Lernfähigkeit seiner Offensivspieler: Der famose Außenstürmer Elia soll auch als Mittelstürmer eingesetzt werden, Petric die Guerrero- Rolle übernehmen und sich bei Bedarf zurückfallen lassen. Für Spezialisten ist in einer derart kleinen Gruppe wenig Platz, insofern muss Marcus Berg noch viel lernen. Der Typus Strafraumstürmer, der sich sonst vornehm zurückhält, wird gerade nicht benötigt. Aber Berg ist ja jung, neu im Klub und offenbar auch noch nicht richtig fit. Für ihn dürften die Lernspiele in der Europa League wie am Donnerstag bei Rapid Wien genau richtig sein.

Testphase erfolglos beendet, hieß es hingegen beim enttäuschenden VfB. „Uns hat die letzte Konsequenz gefehlt“, sagte Kapitän Thomas Hitzlsperger, „wir müssen nicht nur sagen, dass wir gut sind, wir müssen es auch zeigen.“ Gegen den HSV zeigten sie das nicht. Der VfB gewann keinen der entscheidenden Zweikämpfe.

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