Sport im TV : Suche frische Zuschauer, biete frisches Geld

Zwischen den Fernsehstationen herrscht ein harter Wettbewerb um Sport-Übertragungsrechte. Doch ein Großteil der Gelder entfallen auf nur wenige Sportarten.

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Viele Bilder, gleicher Inhalt. Der Fernsehsport spiegelt in Deutschland nicht die Vielfalt des Breitensports wider.
Viele Bilder, gleicher Inhalt. Der Fernsehsport spiegelt in Deutschland nicht die Vielfalt des Breitensports wider.Foto: ddp

Sport hält jung. Sport hält auch die jung, die nur im Fernsehsessel Sport ausüben. Es gibt kaum ein Format, das verlässlich so viel junges Publikum anzieht wie Fußball, Formel 1 oder Boxen. Der durchschnittliche Zuschauer der öffentlich-rechtlichen Programme von ARD und ZDF ist 60 Jahre alt. Die private Konkurrenz von RTL hält bei 46 Jahren, bei ProSieben ist der 35-Jährige der Prototyp. Für alle Sender gilt die goldene Regel: Sport senkt den Altersschnitt. Für ARD und ZDF, die ihre Gebühren ohne Nachweis der tatsächlichen Programmnutzung von Jung und Alt einziehen, schafft der Sport, den Generationenabriss im Publikum zu überbrücken.

Am vergangenen Wochenende erreichte die Kai-Pflaume-Show „Der klügste Deutsche“ 840 000 Zuschauer oder 7,2 Prozent im Segment der 14- bis 49-jährigen Zuschauer. Die Bundesliga-„Sportschau“ dagegen holte in dieser Zuschauergruppe glatt 19,7 Prozent. Auch der sportlich nicht so bedeutende Boxkampf zwischen Rogelio Omar Rossi und Marco Huck lag mit 9,1 Prozent über dem Wert der Familienshow. Und alle Werte übertreffen die Marktanteile, die das Erste und das Zweite gewöhnlich bei Jugend und Junggebliebenen einfahren: 5,9 Prozent fürs Erste, 5,8 Prozent fürs Zweite (Stand September 2011).

Der Sport ist für das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht nur ein bestimmender Programmfaktor, er ist Daseinszweck und Daseinsbegründung. Entsprechend ist die Sehnsucht nach attraktiven Übertragungsrechten. Das erklärt, warum ARD und ZDF die Konkurrenz mit ihren Gebühren bei den Sportrechten regelmäßig überbieten. Das Erste hat dabei die teuersten, die billigsten, die meisten Lizenzen.

Mit ihren gewaltigen Etats – gemeinsam können beide Sender zusammen mehr als eine halbe Milliarde Euro ausgeben – haben sich ARD und ZDF die Erstsenderechte an den Olympischen Spielen 2010 und 2012 (125 Millionen Euro) sowie an Olympia 2014 und 2016 (115 Millionen Euro) gesichert. Die Fußballeuropameisterschaft 2012 wurde für 120 Millionen Euro, die Fußball-WM 2014 für 150 Millionen Euro gekauft. In welch kosten- und wettbewerbsintensivem Bereich sich der attraktive Fernsehsport bewegt, mag folgender Vergleich illustrieren: Für ein Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft löhnen ARD oder ZDF jeweils 4,1 Millionen Euro an Rechtekosten, da sind alle anderen Kosten noch gar nicht eingerechnet. Die Produktion eines „Tatort“ ist mit 1,5 Millionen Euro komplett bezahlt – und der Krimi kann, anders als das Länderspiel, das nur live etwas zählt, viele Male wiederholt werden.

Die privaten Sender beklagen einen unfairen Wettbewerb – ein berechtigter Vorwurf, aber nur berechtigt ist er auch wieder nicht. Niemals würden sich RTL oder Sat 1 die Rechte für das Gewichtheben sichern. Dabei wären die sagenhaft günstig – lediglich 5000 Euro müssen ARD und ZDF pro Jahr überweisen. Das tun sie nicht aus Barmherzigkeit, sondern aus dem Kalkül heraus, dass Auftritte vom herkulischen Olympiasieger (und ehemaligem Witwer) Matthias Steiner das Publikum faszinieren.

Die Sportwelt der kommerziellen Stationen ist einfach. RTL hat nur die Rechte an der Formel 1 (70 Millionen Euro pro Jahr) und an den Klitschko-Boxbrüdern (drei Millionen Euro pro Kampf). Die Kriterien sind junges Publikum, Imagegewinn, Quoten alias Werbeeinnahmen zur Refinanzierbarkeit. Das macht RTL zur Heuschrecke des Fernsehens, ein Recht wird nur so lange gehalten, wie es die genannten Kriterien erfüllt. Der Sender hat so die Fußballbundesliga, die Champions League, Tennis und Skispringen durchgebracht. Und jede Lizenz zum Senden muss die Qualität zum Event haben – wie die Klitschko-Inszenierungen. Der Konkurrent Sat 1 hat sich deswegen für jeweils 1,3 Millionen Euro die Kämpfe von Felix Sturm gesichert. Gerade hat sich der Privatsender laut beschwert, weil er die Fußball-Champions-League (40 Millionen Euro pro Jahr) zum Ende der laufenden Saison ans ZDF abgeben muss.

Die öffentlich-rechtliche Station zahlt glatt 54 Millionen Euro pro Jahr – da ist Sat 1 raus. Das ZDF verzichtet für dieses Königsrecht mit Quotengarantie auf den DFB-Pokal und die in einem öffentlich-rechtlichen Umfeld umstrittenen Faustkämpfe. Im ZDF wird das als Opfer gesehen, anderswo schlicht als Quotenrechnung: Auch ein gebührenfinanzierter Sender wird dort sparen, um an ertragreicherer Stelle investieren zu können. Nicht zu Unrecht entzündet sich die Kritik am ZDF-Gebaren an der Tatsache, dass jede Champions-League-Saison immer im frei empfangbaren Fernsehen gezeigt wurde und würde – warum dann ausgerechnet im ZDF für mehr Geld als bei Sat 1? Das Zweite siegt im pekuniären Armdrücken, wo es gar nicht siegen muss.

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