Sport : Sport muss politisch sein

Der Dachverband DOSB ist ohne Bekämpfung des Dopings nicht glaubwürdig Von Helmut Digel

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Wenn vom DOSB, dem neuen Deutschen Olympischen Sportbund, die Rede ist, dann wird viel über Sparpotenziale und Synergieeffekte gesprochen und darüber, dass unter dem neuen Dach des Sports in Zukunft vielleicht wieder mehr olympische Goldmedaillen gewonnen werden. Aber wo sind die Inhalte? Wofür steht der DOSB eigentlich, welches Verständnis vom Sport wird seiner Arbeit zugrunde liegen? Diese Fragen sind bislang zu kurz gekommen.

Der DOSB braucht ein Leitbild. Er braucht ein unerschütterliches ideelles Fundament. Doch schon beim Kernproblem des Leistungssports fangen die ersten Funktionäre an zu wackeln: Wie halte ich es mit dem Doping? Einige Verbandsverantwortliche bagatellisieren die Delikte, andere reden immer noch über eine mögliche Freigabe des Dopings, viele betrachten sich als nicht zuständig. Das ist verantwortungslos und dumm. Ohne eine konsequente Bekämpfung der pharmakologischen Manipulation im Spitzen- und Breitensport besitzt die Institution DOSB keine Glaubwürdigkeit, denn ohne Bekenntnis zu sauberer Leistung ist der Sport kein Sport mehr. Die Menschenwürde des Athleten würde verletzt.

Wir haben in Deutschland eine Ideologie aufgebaut: dass wir die am besten kontrollierten und saubersten Athleten haben. Doch diese Ideologie bringt uns nicht weiter. Natürlich gab es Ben Johnson, gedopte Ukrainer, betrügende Russen und den Balco-Eklat. Aber das entlastet uns nicht. Die Deutschen haben eine besondere Verantwortung im Anti-Doping-Kampf. Deutsche Athleten und Trainer waren schließlich in besonders schwere Dopingfälle verwickelt.

Nach seinem Namen ist der DOSB ein olympischer Verband, aber nicht alle seine Mitgliedsverbände vertreten olympische Sportarten. Olympisch ist bislang nur ein Organisationsprinzip, aber muss es nicht auch ein Sinnprinzip sein? Die Ideale des Gründers der neuzeitlichen Olympischen Spiele Pierre de Coubertin – Fairplay, Völkerverständigung, Selbstvervollkommnung – sind auch heute noch relevant. Sie könnten eine Klammer sein im neuen Verband.

Das Leitbild des DOSB muss auch politisch sein. Es ist das größte Missverständnis, dass der Sport unpolitisch sei. Dabei ist es egal, ob es um Wettkampfsport oder Freizeitsport geht. Denn ob man auf einem Fußballplatz spielen darf oder nicht, hängt immer von den politischen Rahmenbedingungen ab. Welcher Sport gefördert wird oder nicht, ist ebenfalls eine politische Entscheidung. Leider haben sich viele Sportverbände in die falsche Richtung entwickelt: Der Sport wird als nicht politisch definiert, lässt aber zu, dass beinahe alle Ämter unter parteipolitischen Aspekten besetzt werden. Er hat sich dadurch in eine neue Abhängigkeit begeben.

Politisch ist der Sport allein deshalb, weil er eine Interessenvertretung sein muss – für die Sporttreibenden in den Vereinen. Die Vereine sind die Heimat des Sports. Steuerrechtliche oder gesundheitspolitische Fragen etwa können für die Vereine fatale Auswirkungen haben. Für den DOSB muss es ein vorrangiges Ziel sein, den Wandel seiner Vereine in einer pluralistischen Gesellschaft zu unterstützen.

Wenn man glaubt, dass der Sport wie ein Wirtschaftsunternehmen funktioniert, setzt man seine Gemeinnützigkeit aufs Spiel. Sein grundlegendes Prinzip ist die freiwillige Vereinigung unter einer ehrenamtlichen und demokratisch gewählten Führung. Da bedarf es eines intensiven Austauschs. Der kostet Zeit und Kraft. Im Sport soll der Dialog zwischen den Menschen stattfinden – auch deshalb wird der Sport vom Staat gefördert.

Der Autor ist Professor für Sportwissenschaft in Tübingen und Vizepräsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes.

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