Sport : Spuren im Schnee

Vor wenigen Jahren gab es in Lappland nur gefrorenes Wasser und Stille, das ändert sich nun. Eine Reise in die letzte Wildnis Europas

Christian Hönicke[Jukkasjärvi]

Ola spuckt in den Schnee. „Ich war vor drei Jahren mal in Berlin“, sagt er bewusst beiläufig. „Ich habe mir einen VW-Transporter gekauft. Schönes Auto, funktioniert wunderbar. Aber Berlin ist mir zu groß.“ Olas Kopf hebt sich, seine von einer Sonnenbrille bedeckten Augen wandern den Horizont entlang. Autos entdeckt Ola nicht – wie auch, die nächste Straße ist 80 Kilometer entfernt. „Die Berge, der Schnee, das ist etwas für mich. Das hier ist mein Leben.“

Hier, das ist Nordkalotten, die letzte Wildnis Europas. Die Pforte zum Polarkreis macht ein Drittel der Fläche Skandinaviens aus, doch nur fünf Prozent der Einwohner leben hier. Früher wurde das Gebiet, das sich über Ländergrenzen hinweg über Schweden, Norwegen und Finland bis zur russischen Halbinsel Kola erstreckt, Lappland genannt. Langsam setzt sich die Bezeichnung der samischen Urbevölkerung durch, die den aufgezwungenen Namen nur als Schimpfwort benutzt. Die Sonne leuchtet hier im kurzen Sommer tagelang ununterbrochen, im Winter, während der Polarnächte, lässt sie sich dafür über Wochen überhaupt nicht blicken. Drei Monate lang herrschen im nordöstlichsten Zipfel des Kontinents Temperaturen oberhalb des Gefrierpunkts, den Rest des Jahres gewähren 20 Grad minus im Schnitt und eine fast undurchdringliche Decke aus Schnee und Eis nur den Mutigsten Zutritt. Die Samen müssen mutig sein.

Ola Pave ist Same. Einer von 70000, die trotz aller Widrigkeiten und Unterdrückungsversuche über vier Länder verteilt noch immer in diesem kalten Schwarzweißfilm aus Schnee und knorrigen, fast blätterlosen Bäumen leben. Olas Heimat ist Saarivuoma, ein etwa 200 mal 100 Kilometer großes Areal im Herzen Nordkalottens, das sich von Schweden bis in die norwegischen Berge erstreckt. Außer Ola leben hier noch etwa 200 weitere Samen – und 15000 Rentiere. Die meiste Zeit wohnt Ola im schwedischen Teil Saarivuomas in Övre-Soppero, einem winzigen Dorf mit Kirche und Tankstelle.

Als Ola geboren wurde, gab es keine Tankstellen. Es gab nicht einmal Häuser. Als Ola 1953 das gleißende, schwere Licht des Polarkreises zum ersten Mal erblickte, tat er das durch den Rauchabzug eines Zeltes. „Bis zu meinem fünften Lebensjahr haben wir im Tipi gelebt“, erzählt er, und für einen Moment schwindet die Beiläufigkeit aus seiner Stimme und seinen Augen. Er berichtet davon, wie sie im Sommer mit den Rentieren ins norwegische Hochgebirge gezogen sind und sich von Wild, Milch und Beeren ernährt haben. „Die Natur gab uns alles“, sagt Ola. „Das war ein gutes Leben für die Menschen.“ Wie lange seine Familie schon in Saarivuoma lebt, kann Ola nicht genau sagen, er schätzt: „Schon immer.“

Ola Pave ist ein Nomade. Er folgt seinen Rentieren durch ihre Nahrungsgebiete, wie es nur noch sieben Prozent der Samen tun. Die Tradition der alten Zeiten pflegt Ola mit modernen Mitteln: Er besitzt fünf Häuser, ein Schneemobil der Marke Bombardier Lynx, einen Transporter, eine Digitalkamera und eine E-Mail-Adresse. Ola ist ein Nomade des 21. Jahrhunderts.

Samen wie Ola repräsentieren das Ergebnis eines 400 Jahre währenden Prozesses. Damals kam der weiße Mann, wie Ola ihn nennt, angelockt von den riesigen Erz- und Silbervorräten. Norweger, Schweden, Finnen, Russen hatten dasselbe Ziel: das Land und seine Bewohner zu zivilisieren. Straßen, Häuser und Kirchen wurden gebaut, samische Dialekte verboten, Kriege geführt, Grenzen gezogen und dadurch seit der Steinzeit existierende Pfade abgeschnitten. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist auch Saarivuoma in einen schwedischen und einen norwegischen Teil getrennt.

Nordkalotten hat einen langen Weg hinter sich auf dem Weg in die Zivilisation. Anfang des 21. Jahrhunderts fehlen nur noch wenige Schritte. Was Missionare und Nationalisten nicht geschafft haben, führt der Tourismus zu Ende. Noch bis vor wenigen Jahren war Olas Region gefüllt mit nichts als gefrorenem Wasser und Stille, die nur hin und wieder von Wolfsgeheul oder den raschelnden Flügelschlägen eines Adlers unterbrochen wurde. Heute kündigt das Gekreisch der Schneemobile die Ankunft der modernen Welt an. Während des Sommers übernimmt das Brummen der Allradautos diese Aufgabe.

Das lebensfeindliche Terrain ist durch die stinkenden Motorschlitten auch für Großstadtbewohner erreichbar geworden. Vor allem aus Norwegen und Finnland fallen die Schneemobile in den schwedischen Teil Nordkalottens ein, weil man hier auch in den Bergen fahren darf. Um dem Ansturm Herr zu werden, hat die Regierung im Abstand von 50 Metern rote Andreaskreuze aufstellen lassen, die meist alte Nomadenpfade markieren. Ein rotes Netz ist auf das ehemals weiße Land getropft wie die Blutflecken eines verwundeten Wolfs. Abseits dieser Wege dürfen Schneemobile nicht mehr fahren, doch aus den Nomadenpfaden sind Autobahnen der Wildnis geworden. „Es sind viel zu viele Schneemobile“, sagt Ola und spuckt auf den Fluss, auf dem er gerade steht, „sie stören die Rentiere.“ Dann steigt Ola auf sein Schneemobil.

Ola spricht Samisch, Schwedisch, Finnisch und Norwegisch. Für sein angeblich schlechtes Englisch entschuldigt er sich mehrmals. Weil sie in der Tourismusbranche arbeiten, können die meisten Samen Englisch sprechen. Das ist Teil des Gesamtpaketes, genauso wie die Rentiere, die Schlitten und die bunten Trachten. Ola tauscht seine Tracht aus Rentierhaut, die seine Frau für ihn gemacht hat, nur noch an Feiertagen gegen die rote Goretex-Jacke ein – und wenn er Ausländern in seinem Verkaufs-Tipi selbstgefertigte samische Produkte und Tickets für Rentierschlittenfahrten verkauft. Hundeschlitten hat Ola nicht im Angebot, damit kennt er sich nicht aus. Die Alaska Huskies, die bis zu 100 Kilometer am Tag durch den Schnee fegen können, wurden erst vor 20 Jahren aus Nordamerika importiert. „Only for business“, wie Ola anmerkt.

Einmal im Jahr macht auch Ola Business. Dann arbeitet er bei dem Hundeschlittenrennen mit, das die Stockholmer Bekleidungsfirma Fjällräven im April hier oben veranstaltet. 6000 abenteuerlustige Großstädter aus ganz Europa haben sich für die 300-Kilometer-Jagd durch die Kälte mit Übernachtung in Zelten beworben, 16dürfen am Ende teilnehmen. Mit ihnen kommt Ola eigentlich nie ins Gespräch, sie bleiben auch fernab der Stadt unter ihresgleichen. Nur Vanessa Schricker wird Ola näher kennen lernen.

Die 24-jährige Grafikstudentin aus München bildet mit dem Werbetexter Leander Schmalfuß das deutsche Rennteam. Vanessa hat sich auf das Erlebnis bei minus 35 Grad vorbereitet, indem sie im Winter mit offener Jacke einen Spaziergang durch den Englischen Garten gemacht hat. Danach ist sie krank geworden. Ihre größte Sorge aber ist nicht ihre Gesundheit, sondern dass die neue Kameraausrüstung die Kälte nicht übersteht. Sie will die Fotos später verkaufen.

Vanessa hat Glück, es erwarten sie nicht die befürchteten minus 35 Grad. Bei der Ankunft in Kiruna, der größten schwedischen Stadt der Region, herrschen Temperaturen um null Grad. Viel zu warm für die Jahreszeit. „1999 hatten wir minus 52 Grad“, sagt Ola, „das war kalt.“ Bei minus 52 Grad kann man eine Tasse Wasser in die Luft werfen, und sie wird gefrieren, bevor sie auf dem Boden aufkommt, erzählt Ola. Bei minus 52 Grad brennt jeder Atemzug. In diesem Jahr steigt Ola sogar ohne Gesichtsschutz auf sein Schneemobil. 10000 Kronen, etwa 1000 Euro, erhält er dafür, dass er sein Gebiet für das Rennen zur Verfügung stellt und Touristen und Journalisten mit seinem Schneemobil von Checkpoint zu Checkpoint fährt. Wirklich glücklich ist Ola dabei nicht, denn das Rennen führt durch das Gebiet, in dem sich jetzt normalerweise seine Rentiere aufhalten. „Aber ich brauch das Geld. Ich habe nicht genug Rentiere.“

Rentiere. Eine Konversation mit Ola zu führen, in der dieses Wort nicht fällt, ist nahezu unmöglich. In der Tundra Nordkalottens wächst kaum etwas, deshalb nutzen die Menschen beinahe jedes Körperteil des Rentiers: ihre Haut für Leder und Kleidung, ihr Geweih und ihre Knochen zur Werkzeugherstellung, ihr Fleisch in allen erdenklichen Varianten als Nahrung. Bevor es Schneemobile gab, zogen Rentiere die Schlitten.

Auch nach Einführung der Kronen sind Rentiere hier die stabilste Währung. Wer 1000 von ihnen besitzt, gilt in Nordkalotten als reicher Mann. Ola achtet auf sein Vermögen. Er fährt morgens mit dem Schneemobil zu seiner Herde; er umkreist sie einmal, schaut, ob es den Tieren gut geht, und fährt abends wieder zurück nach Övre-Soppero. „Das mache ich jeden Tag“, sagt Ola. Nichts anderes? „Nichts anderes.“ Während des Rennens passt der Bruder auf Olas freilaufendes Konto auf. Ola wird noch erzählen, dass er 60000 Kronen pro Jahr von der schwedischen Regierung dafür erhält, dass die im nahen, ultramodernen Weltraumzentrum Esrange abgeschossenen Forschungsraketen in seinem Gebiet niedergehen dürfen. Er wird sagen, dass der Kilopreis für die Delikatesse Rentierfleisch durch die russische Konkurrenz auf 50 Kronen abgesackt ist. Er wird aber bis zum Schluss nicht preisgeben, wie viele Rentiere er besitzt. „Samen sprechen nicht darüber“, murmelt er nur, dann blickt er schweigend einem Ripa hinterher, der bei dem Versuch, seinen plumpen Rumpf in der Luft zu halten, wie ein Feldstein mit Flügeln wirkt. Der Vogel ist eines der wenigen Tiere, das sich auf den Schneeautobahnen blicken lässt.

Vanessa und Leander haben nur wenig Zeit, einen Blick auf die Umgebung zu werfen. Vanessa konzentriert sich darauf, das Rennen zu gewinnen, seit ihre Kameraausrüstung versehentlich in den falschen Flieger geladen wurde. In ihrer Eile bemerkt sie den Tsaksto nicht, der an ihr vorbeifliegt. In alten Zeiten, als die Samen noch ihren Schamanenbräuchen nachgingen, brachten sie dem heiligen Berg in Olas Region Opfer, um Glück für die Rentiere zu erbitten. Heute sind die meisten Samen christianisiert. Ola hat keine Religion, aber er weiß: Der Tsaksto ist ein spezieller Berg. Vielleicht weiß er das auch deshalb, weil er das Lied über seinen Gipfel manchmal auf seinen Kopfhörern im Radio hört, während er durch die Schneelandschaft gleitet. Zwischen acht und halb zehnUhr morgens und drei und vier Uhr nachmittags ist Ola schwer ansprechbar. Dann läuft das samische Programm im schwedischen Radio, das die Joiks spielt, die Lieder der Samen, die ohne Instrumente auskommen. Nicht mal in der grauen Hölle des Schneesturms beim Aufstieg zum kahlen Plateau am Rostujavri-See setzt Ola die Kopfhörer ab.

Im Radio erfährt Ola auch die neuesten Quoten. Zum Beispiel die des Vielfraßes, einer Marderart, die das zarte Rentierfleisch genauso gern verspeist wie die Samen. „Das hier gebe ich dem Vielfraß-Mann“, sagt Ola und zieht lächelnd eine Patrone aus der Tasche. „Aber man muss aufpassen, sonst kommt die Polizei.“ Die schwedische Regierung reguliert die Vielfraß-Quote, indem sie den Samen Ausgleichszahlungen für jedes getötete Rentier gewährt. Überhaupt ist hier fast alles quotiert: Die Fische, die die Touristen fangen dürfen, die Wölfe, die Luchse und Adler. So versucht die Regierung, den Spagat zwischen Erhalt der Natur und touristischer Nutzung zu schaffen – eine Wildnis auf Quote.

Auch der Sternenhimmel hat Zuwachs aus der Zivilisation erhalten. Ein leuchtender Funkmast an der Eisenbahnstrecke nach Norwegen mischt sich seit ein paar Jahren in das uralte Schauspiel des Polarlichts wie ein Löffel Teer in ein Fass Honig. Deutliches Handypiepen dringt hin und wieder aus den Zelten der Rennteilnehmer in die Stille der Nacht.

Am nächsten Morgen ist Ola verschwunden. Vanessa hatte einen Unfall; Ola ist auf der Strecke, um zu helfen. Das letzte Foto von ihr während des Rennens zeigt sie im Schnee liegend, mit einem gebrochenen Bein und einem ausgestreckten Mittelfinger. „Sie hat sich aufgeregt, dass sie gefilmt wurde“, sagt Leander. Diese Szene wird nicht den Weg auf die Homepage der Bekleidungsfirma finden. Nach jeder Etappe sitzen die Fotografen im Licht der untergehenden Sonne in den Holzhütten an ihren Laptops und schicken Fotos auf die Reise zum Firmenserver in Stockholm. Noch bevor die Sonne im Schnee versunken ist, sind die Bilder online. Ein Sonnenuntergang dauert in Nordkalotten um diese Jahreszeit eineinhalb Stunden. Vanessa wird mit dem Helikopter ins Krankenhaus geflogen, den Frühling in München wird sie mit einem Gipsfuß erleben.

Für Ola Pave wird es niemals Frühling. Wenn der Schnee in der schwedischen Tundra für wenige Monate weicht und die Moskitos kommen, zieht er mit seinen Rentieren über die Grenze ins Gebirge nach Norwegen. Auf dem Weg schläft Ola immer noch einige Wochen im Tipi.

Am letzten Tag des Rennens bemerkt Ola etwas Merkwürdiges. Vorsichtig fährt er aus dem schwarzen Wald heraus auf die Lichtung zu, wo es metallisch in der Sonne glitzert. Autos. Selbst die Nazis sind im Zweiten Weltkrieg daran gescheitert, in diesem Teil Nordkalottens Straßen zu bauen. Jetzt parken Transporter, Kombis und Lkw mitten auf einem zugefrorenen See im weißen Nirgendwo. Eine junge Frau mit Kamera erklärt, dass hier gerade eine Stuntszene für einen Actionfilm gedreht wird. „Und woher kommt ihr?“, will die Frau wissen. Aus Övre-Soppero, sagt Ola. „Kenn ich nicht. Und du?“ Berlin. „Ah, da war ich letzten Sommer. Schöne Stadt.“ Ola spuckt in den Schnee. Dann gibt er wieder Gas.

Die Zivilisation rückt näher. Das Ziel des Rennens funkelt bereits am Horizont. Es ist das Hotel ganz aus Eis in Jukkasjärvi, das ein schwedischer Geschäftsmann vor zehn Jahren aufgebaut hat, inklusive ins Eis eingelassener Flachbildschirme. Für Leander bedeutet der Anblick des Hotels, dass die erste warme Dusche seit vier Tagen greifbar nahe ist. Nach Vanessas Ausfall hat er mehr Zeit gehabt, auf die Landschaft zu achten. Er will unbedingt noch einmal zurückkommen, „dann nehme ich mir aber ein Schneemobil“.

Kurz vor der Ankunft in Jukkasjärvi hält Ola ein letztes Mal in der weißen Wüste an. Er nimmt seinen Kopfhörer ab. „Fürst Rainier von Monaco ist tot. Er wurde 81 Jahre alt.“ Dann steigt er wieder auf und jagt seinen stinkenden Benzinluchs durch die Landschaft, die er so liebt, über zugefrorene Seen und Flüsse, vorbei an schwarzen Bäumen und weißen Bergen und roten Plastikkreuzen und Schildern in fünf Sprachen, die vor dem Überqueren der gefrorenen Seen und abstürzenden Raketen warnen. Vor einem halben Jahrhundert wurde er in einem Tipi geboren, heute hat er eine E-Mail-Adresse. Da fährt Ola Pave, ein Nomade des 21. Jahrhunderts.

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