• Ständig empfangsbereit Parallelen zu Hertha: Wie Bernd Schneider Bayers Krise durchlitt

Sport : Ständig empfangsbereit Parallelen zu Hertha: Wie Bernd Schneider Bayers Krise durchlitt

Frank Bachner

Berlin. Vielleicht waren sie doch zu leise. Sie haben zwar alles gegeben, die unzähligen Hertha-Fans, keine Frage. Sie brüllten schon von der ersten Sekunde an im Olympiastadion „Stevens raus“, jeder hörte es, nur Bernd Schneider, der hörte nichts. Jedenfalls sagt er das. Er stand auf dem Platz, mit seinem Team Bayer Leverkusen, er spielte gegen Hertha BSC, aber dass die Berliner Fußball-Fans am Samstagnachmittag frühzeitig den Rausschmiss des Hertha Trainers forderten, das ging an dem Mittelfeldspieler vorüber. „Aber ich habe auch eine besondere Konzentration aufs Spiel.“ Er schoss das 3:1 für Leverkusen, Bayer gewann 4:1.

Später erzählte man ihm von den ganzen Pfiffen, und er war überrascht. So frühzeitiges „Trainer raus!“-Gebrüll war neu für ihn. In Leverkusen hatte er so etwas Extremes nicht erlebt. Obwohl er in der vergangenen Saison auch ganz tief im Keller war mit Bayer, und Trainer Klaus Toppmöller war der Buhmann der Fans. Schneider kennt die Gefühle, die jetzt Herthas Profis durchleben, wenn der Abstieg droht. Aber dass ein Verein trotz des ganzen öffentlichen Drucks so hinter dem Trainer steht wie jetzt Herttha BSC im Fall Stevens, das kennt er nicht.

Damals hatte Klaus Toppmöller auch eine Art Ulitmatum erhalten. Aber es war nie so artikuliert worden wie bei Hertha. Damals war Toppmöller immer anders in Spannung gehalten worden. Er wusste nie ganz genau, woran er war. Natürlich unterhielten sich die Spieler auch über diese Situation. Sieg oder Entlassung. Aber sie haben ihn so gut wie es ging abgeblockt, diesen Druck. Der Trainer, sagt Schneider, wirkte selbst kurz vor seiner Entlassung noch „wie immer“. Sicher, er hat ein bisschen mehr durchgegriffen als früher. Aber das war in Ordnung so, sagt Schneider. „Dass man zu spät ins Training gekommen ist, wurde nicht mehr geduldet. Denn diese Disziplinlosigkeit hat sich auf das Spiel übertragen, und das darf nicht sein.“

Schneider hatte auch immer das Gefühl, dass der Trainer ihn erreicht hatte. Ihn jedenfalls. Bei anderen kann er das nicht so genau sagen. Bei Hertha aber sagt keiner der Spieler, dass er vom Trainer nichts mehr annehmen könne. Und auch Schneider verkündet auch nicht, dass sein Trainer schlecht war. „Man hätte auch zehn oder 15 Spieler rauswerfen können“, sagt er stattdessen. Es hört sich an, als meinte er: rauswerfen müssen. „Aber so etwas geht natürlich nicht.“ Und natürlich hat auch nicht jeder in der Mannschaft so gedacht, sagt Schneider sinngemäß. Toppmöller hatte nicht bloß Unterstützer. Aber es gab auch keinen, der gegen den Trainer gespielt hatte. Das ist Schneider wichtig. Und zumindest er dachte manchmal auch an die Angestellten im Verein, „an die Existenzen, um die es ging“. Und dann kam er ins Grübeln. Andererseits grübelte er über die Medienpräsenz diverser Bayer- Funktionäre weniger, als Beobachter denken könnten. Irgendwann wusste zwar keiner mehr, was offizielle Vereinspolitik war. Aber Schneider störte sich nicht sonderlich daran. Er sagt bloß: „Wir sind Profis, wir wollen immer gewinnen, egal, was passiert.“ Also hatte er auch Herthas Stürmer Fredi Bobic keine Tipps gegeben, als sie sich zuletzt bei der Nationalmannschaft trafen. „Der Fredi ist erfahren genug.“

Aber Toppmöller musste gehen, nach der Winterpause. Zu spät? Ja, hat Reiner Calmund später gesagt. Nein, signalisiert Schneider, der Trainer flog nicht zu spät. Und so wie der 29-Jährige klingt, war es ohnehin ein Fehler, Toppmöller zu entlassen. Schneider sagt: „Ich bin völlig anderer Meinung als Reiner Calmund.“ Dass Stevens jetzt erst mal bleiben darf, das dürfte Schneider gefallen.

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