Sport : Stagnation in Hoppegarten: Gurken erhöhen den Wettgenuss

Ingo Wolff

Ein Galopprenntag in Hoppegarten kann derzeit kaum sinnbildlicher angekündigt werden: "Den Rennbahnbesuchern wird buntes Markttreiben geboten." Das ist nicht böse gemeint, sondern eigene Wortwahl des Union-Klubs für eine Veranstaltung vor vier Wochen. Nicht mondänes Flair wie in Baden-Baden oder illustre Gesellschaft wie in Köln und Düsseldorf. Nein, vor allem buntes Markttreiben. Den Pferdefreund erwartet dabei eine Angebotspalette, die von Spreewald-Produkten bis zu Obst aus Werder reicht. Gurken sollen Appetit machen aufs Pferdewetten.

Was sich der betreibende Klub als Argument für einen Familienbesuch im Grünen ausgedacht hat, beschreibt ungewollt den aktuellen Zustand der Brandenburger Bahn. Zehn Jahre nach dem Wechsel vom staatsgesteuerten Wettbetrieb zum rentablen Rennverein ist der Klub vom nachhaltigen Wirtschaftserfolg weit entfernt. In seiner Außenwirkung agierten der Klub und dessen mehrfach wechselnder Vorstand in den vergangenen Jahren trotz vielfältiger Bemühungen zudem oftmals unglücklich. Die Bahn- und Klubaktivitäten erinnerten zeitweilig an einen Jahrmarkt, wo jeder etwas abbekommt, der nur laut genug schreit. So stritt sich der Vorstand auf einer Sitzung zwei Stunden über eine Bande auf der Prestige-Bahn in Hongkong, statt über effektivere Werbung im Umfeld nachzudenken.

Auch das zwischenzeitliche Rennbahnfieber nach 1990 - mit dem Rückenwind einer großen Renntradition vor dem Krieg - konnte die Klubführung nicht wie erhofft nutzen. Das einstige Millionenvermögen war schnell aufgezehrt und ein Schuldenberg angehäuft. Ein drohendes Insolvenzverfahren konnte aber abgewendet werden. Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Finanzamt Köln-Nord, dem Fluchtdomizil des Union-Klubs vor 1990, in Höhe von 238 000 Mark und gegenüber dem Verband in Höhe von 168 880 Mark wurden kürzlich erfüllt. Das war möglich, weil der Aufsichtsrat der Rennbahn Hoppegarten GmbH dem Klub ein kurzfristiges Darlehen gewährte.

Das Geschäft vor den Toren Berlins läuft alles andere als florierend. Inzwischen müssen sich die Wetter mit immer weniger erstklassig besetzten Rennen zufrieden geben, was sich wiederum in sinkenden Wettumsätzen bemerkbar macht. Hoppegarten setzt deshalb auf ein gemischtes Publikum, grenzt sich mit seinem Konzept von oben genannten Attributen einiger Rennbahnen im Westen der Republik ab: als Familienbahn im Grünen mit Ponyreiten und Pferdekarussell. Vielleicht ist das ja ein Rezept in einem insgesamt schwächer werdenden deutschen Wettmarkt - keine Rennbahn konnte bisher den Vorjahresumsatz erreichen. Hoppegarten gelang es immerhin, den Umsatzrückgang im Vergleich zu anderen Bahnen - teilweise 25 Prozent - aufzuhalten. Ähnliches schaffte nur Düsseldorf.

"Galoppsport ist in ganz Deutschland nicht in", sagt Karl-Heinz Oehler, Präsident des Union-Klubs. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Der Grund für den Sinneswandel liegt nicht nur im allgemeinen Trend zum famlienorientierten Sport und der Suche nach neuem Zielpublikum. Die Bahn wird außerdem von den großen Pferdebesitzern im Westen Deutschlands nicht so angenommen, wie es für den Aufschwung nötig wäre. Noch schlimmer sieht es bei den ausländischen Startern aus. Waren diese zwischenzeitlich in den Startboxen, so kann der Union-Klub Ausländer derzeit selbst für europäische Gruppe-Rennen, der Champions-League im Galoppsport, nicht verpflichten.

Die Flucht in die Familienidylle ist also keinesfalls eine wirtschaftlich attraktive Alternative, sondern momentan eher Notbehelf. Geschuldet dem Rückzug einiger Großsponsoren, die entweder mit oder wegen des alten Vorstandes Hoppegarten wieder verließen. Zurzeit lebt die Bahn von vorwiegend kleineren Sponsoren. Dieses Geld reicht aber nicht, um lohnende Nenngelder oder Transportkosten zu finanzieren.

Doch nicht nur bei den Wetten wird ein Rückschlag beklagt. Auch die Zahl der untergestellten Pferden ist gesunken. Waren es 1993 noch 2000, sind es derzeit nur noch 230. Das Training ist zwar kein rentables Geschäft, aber für einen gesunden Rennnbahnbetrieb unablässig, da nur so kleine Rennen besetzt werden können. Deshalb sucht der Klub Sponsoren, um mit Zuschüssen wieder mehr Pferde unterzustellen.

Davon profitiert auch Trainer Marco Lücke, der gegenwärtig den Stall mit den meisten Pferden in Hoppegarten betreut. Prominente Pferdebesitzer, wie der Kaffee-Unternehmer Albert Darboven, vertrauen ihm. Der 30-Jährige hatte sich für den Wechsel von Neuss nach Berlin entschieden, weil er die Trainingsbedingungen für die besten in Deutschland hält. Der Standort stimmt also, nur das Umfeld noch nicht. Das wollen Prinz Wilhelm Karl von Preußen und Gräfin Tini von Rothkirch mit ihren Kontakten in die High Society aufbessern helfen. Die Hoffnung stirbt eben zuletzt, oder wie Vizepräsident Jochen Palenker sagt: "Wir haben den Tod überlebt."

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