Start der Biathlon-WM : Magdalena Neuner: Die ewige Rekonvaleszentin

Magdalena Neuner kämpft bei der heute im russischen Chanty-Mansijsk beginnenden Biathlon-WM mit ihrem Immunsystem – und hofft dennoch auf Gold.

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Tee trinken und abwarten. Magdalena Neuner ist selten fit in diesem Winter.
Tee trinken und abwarten. Magdalena Neuner ist selten fit in diesem Winter.Foto: dpa

Als sich Magdalena Neuner vor knapp zwei Wochen über die Strecke in Ruhpolding kämpfte, war sie fast schon wieder die alte. Sie lief und lief, sie traf und traf. Ein Schuss nach dem anderen rasselte unter den Augen von ein paar Schaulustigen, die sich zum Training ins Biathlon-Zentrum verirrt hatten, passgenau ins Ziel; manchmal gab es spontanen Szenenapplaus. Gerade noch rechtzeitig schien Neuner so richtig in Schwung zu kommen, nachdem sie in der Saison immer wieder zurückgeworfen worden war. Doch von wegen: Nur eine Woche später lag die 24 Jahre junge Bayerin schon wieder im Bett. Fieber, Schüttelfrost, Gliederschmerzen. Es war so etwas wie das letzte Aufbegehren von Magdalena Neuners Körper.

Dass sie heute, zu Beginn der Biathlon-Weltmeisterschaften im russischen Chanty-Mansijsk in der Mixed-Staffel an den Start gehen kann, ist auch ein kleines ärztliches Meisterstück – nach „all dem gesundheitlichen Auf- und Ab in diesem Winter“, wie sie selbst sagt. Neuner ist in der laufenden Weltcup-Saison so etwas wie die ewige Rekonvaleszentin. Erst verpasste sie den Auftakt des Winters in Östersund – und ackerte sich wieder zu alter Leistungsstärke. Dann musste sie im Januar einige Rennen in Antholz auslassen – und kämpfte sich anschließend so weit zurück, dass sie beim Vorbereitungslehrgang auf die WM in Ruhpolding schon von einer „ordentlichen Stabilisierung“ sprach. Jetzt ist sie nach der Bettruhe vom vergangenen Sonntag erneut auf dem Weg der Besserung.

Neuner gibt gerne zu, wie sehr sie diese Krankengeschichte nervt, als Ausrede für etwaige Defizite will sie das allerdings nicht gelten lassen. Derlei Entschuldigungen hat die Doppelolympiasiegerin von Vancouver auch gar nicht nötig, so stark wie sie sich in den verbliebenen Saisonrennen präsentiert hat. Frauen-Bundestrainer Ricco Groß hält es regelrecht für „phänomenal“, was seine Athletin trotz der Umstände alles zustande gebracht hat. Dass Neuner im Gesamtweltcup den fünften Platz belegt, obwohl sie auf vier Wettkämpfe verzichten musste, sagt in der Tat viel über ihre Comebackqualitäten aus – und noch mehr über ihre Leistungsfähigkeit. Allein deshalb hat Groß ihr eine Startplatzgarantie für die WM ausgestellt. „Wenn sie fit und gesund bleibt, wird sie wohl in jedem Rennen zum Einsatz kommen“, sagt er. „Und im Grunde hat sie auch in jedem Wettkampf eine realistische Chance, um die Medaillen mitzulaufen.“

Nur um Medaillen? Wenn es nach der Athletin selbst geht, darf es schon am Donnerstag ein bisschen mehr sein. Mindestens einmal möchte Magdalena Neuner ganz oben auf dem Podest stehen, sagt sie im Wissen, dass es im deutschen Biathlonsport schon lange nicht mehr darum geht, nur mitzulaufen. Der Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes gab insgesamt ganze sechs Medaillen als Ziel für das deutsche WM-Team aus. In seiner Rechnung dürfte Thomas Pfüller den Großteil davon bei den Frauen verorten, die ihren männlichen Kollegen auch in diesem Winter ein Stück voraus sind. Neben Neuner gilt das besonders für Andrea Henkel – die Erstplatzierte der aktuellen Weltcupgesamtwertung.

Vielleicht tummelt sich die schärfste Konkurrenz für Magdalena Neuner also in der eigenen Mannschaft. Wahrscheinlicher ist jedoch die Tatsache, dass ihr größter Gegner gar keine Läuferin aus dem Feld ist, sondern sie selbst beziehungsweise ihr Immunsystem, das in Chanty-Mansijsk offenbar noch mal verstärkt gebraucht wird. Minus zehn Grad zeigen die Thermometer im tiefsten Sibirien im Moment an.

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