Stefan Bradl : "Ich habe gelernt, den Kopf einzuschalten"

Motorradpilot Stefan Bradl spricht im Interview über über seinen Reifeprozess, den WM-Titel und die Konkurrenz zu Vater Helmut.

Stefan Bradl, 21, fährt für das Team Viessman Kiefer Racing in der Motorrad-WM. Nach zwei Siegen in drei Rennen führt der Sohn des früheren 250er-Weltmeisters Helmut Bradl die Moto2-Wertung an. Foto: dpa
Stefan Bradl, 21, fährt für das Team Viessman Kiefer Racing in der Motorrad-WM. Nach zwei Siegen in drei Rennen führt der Sohn des...Foto: dpa

Herr Bradl, Ihr Erfolg in Estoril war Ihr fünfter Grand-Prix-Sieg auf dem Motorrad – damit haben Sie jetzt genauso oft gewonnen wie Ihr Vater Helmut. Hat er Ihnen darauf schon einen ausgegeben?

Nein, er hat mich gerade erst vom Flughafen abgeholt. Dass wir jetzt gleichauf sind, ist für ihn wie für mich eigentlich auch weniger bedeutend. Er freut sich aber megamäßig für mich – ich glaube, noch mehr als damals über seine eigenen Siege. Er hat mir jedenfalls gesagt, er wünscht mir 100 Grand-Prix-Siege.

Es bedeutet Ihnen gar nichts, Ihren Vater eingeholt zu haben?

Wie wir in Bayern sagen: Das ist schon ein kleines Zuckerl. Jetzt hat er fünf Grand-Prix-Siege, ich hab fünf, das ist schön und gut. Aber ich will mehr. Am liebsten noch dieses Jahr und am liebsten gleich beim nächsten Rennen.

Sie führen nach drei Rennen die WM-Wertung in der Moto2-Klasse an. Was ist dieses Jahr besser geworden: das Motorrad oder Sie?

Alles, das Gesamtpaket. Ich hab dazugelernt, das Motorrad haben wir verbessert, das Team hat sich verbessert. Es ist ein Reifeprozess, der da abgelaufen ist. Über den Winter haben wir eine gute Abstimmung gefunden, und wir sind auf unterschiedlichen Strecken konkurrenzfähig. Der Erfolg hat mich natürlich auch gestärkt, so dass es jetzt läuft.

Und wo haben Sie genau dazugelernt?

Überall. So ein Rennen muss man sich taktisch einteilen, da habe ich schon einen Schritt nach vorn gemacht, glaube ich. Gerade wenn man dann wie in Estoril in der letzten Runde gehörig unter Druck steht, da muss man schon den Kopf einschalten, das habe ich gelernt. Wenn einer schneller ist, und es ist zu riskant, ihm zu folgen, dann sollte man halt schauen, dass man Punkte mitnimmt. Ein zweiter, dritter oder fünfter Platz ist ja nicht schlecht. An dem Tag war ein anderer dann einfach besser, das muss man dann akzeptieren und darf nichts übers Knie brechen.

Haben Sie sich selbst früher zu viel Druck gemacht?

Das kann man so sagen. Es gab früher Rennen, wo ich es mit der Brechstange versucht habe und dann im Kiesbett gelandet bin. Daraus sollte man lernen, und manch einer braucht dafür halt ein bisschen länger. Aber ich glaube, dass ich das in letzter Zeit doch ganz gut gemacht habe.

Die Bedingungen in Portugal waren schwierig, die Strecke war noch recht rutschig vom Regen. Hätte der ungestüme Stefan Bradl von vor zwei, drei Jahren das Rennen im Kiesbett anstatt auf dem Podest beendet?

Schwer zu sagen. Das ist ein schmaler Grat, wenn man sich am Limit bewegt. Der kleinste Fehler, dann liegt man da, das hat man ja am Sonntag auch gesehen. Erfahrung ist da sicher hilfreich.

Sie haben relativ jung schon Erfolge gefeiert und sind 2008 WM-Vierter in der 125er-Klasse geworden. Dann fielen Sie in ein Tief, hatten Stürze und Verletzungen. Haben Sie diese Rückschläge stärker gemacht?

Auf jeden Fall. Diesen Reifeprozess machen viele Sportler durch. Aus Niederlagen lernt man mehr als aus Erfolgen. Aus tiefen Tälern wieder herauszukommen, macht einen stark.

Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Es gab mehrere. Neben den schmerzhaften körperlichen Verletzungen auch mentale, die an einem genagt haben. Das Geschäft ist erfolgsabhängig, und im Fahrerlager und in den Medien wird viel geredet. Bist du gut, bist du gefragt, bist du nicht gut, bist du weg vom Fenster. Das habe ich auch in letzter Zeit verstehen gelernt. Man kann das eh nicht beeinflussen. Ich muss mich auf mich konzentrieren und lass mich da von nix und niemandem mehr verunsichern.

Auch nicht von den Fragen nach dem Titel, mit denen Sie sich als WM-Führender nun zwangsläufig auseinandersetzen müssen?

Müssen tu ich gar nichts. Es sind noch vierzehn Rennen, über den WM-Titel brauchen wir uns noch keine Gedanken machen.

Aber Ihr Ziel ist er schon?

Ich bin ja nicht zum Spaß dabei. Klar will ich Weltmeister werden. Aber ob das dieses Jahr funktioniert, dass ist die große Frage.

Vorher aber gibt Ihr Vater Helmut noch einen aus?

Ja, wir werden heute Abend schon was Essen gehen oder was Schönes unternehmen. Aber glücklicherweise ist das bei uns in der Familie nicht erfolgsabhängig. Sicher ist es schön, wenn ich mit einem Grand-Prix-Sieg nach Hause komme. Aber wir haben auch ein ganz normales Privatleben, wo der Rennsport dann bitte auch mal anderthalb Wochen Pause hat.

Das Gespräch führte Christian Hönicke.

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