Steilpass : Ein Herz für Schiedsrichter

Der Job des Schiedsrichters ist kein leichter. Stefan Hermanns sieht sich als Teil einer neuen Bewegung.

Stefan Hermanns
Stefan Hermanns, Sportredakteur vom TAGESSPIEGEL, fotografiert in Berlin-Tiergarten. Foto: Thilo RückeisThilo Rückeis, TSP (Thilo Rückeis)

Auf die Gefahr hin, meinen Ruf vollends zu ruinieren – ich gestehe: Ich bin ein Schiedsrichter-Versteher. Ich habe großen Respekt vor dem, was Schiedsrichter leisten. Trotz allem. Vielleicht liegt das daran, dass ich ein Herz für Schwache habe. Wenn die Allesbesserwisser von „Bild“, „Bams“ und Glotze mal wieder „Dilettanten!“ schreien, weckt das nicht nur mein Mitleid, sondern vor allem meinen Widerspruch. Das Schöne ist: Wir Schiedsrichter-Versteher werden immer mehr. Ich will jetzt nicht von einer Massenbewegung sprechen, aber zuletzt war eine erstaunliche Entwicklung zu beobachten. Beim Spiel Schalke gegen Bayern zum Beispiel. Da schossen die Bayern ein Tor, dem eine leichte Abseitsstellung von Ivica Olic vorangegangen war. Nachdem das Bild eingefroren und eine virtuelle Linie aufs Feld gelegt worden war, war das zweifelsfrei zu erkennen. Kai Dittmann, der Reporter von Sky, folgerte daraus: Kein Abseits – weil doch die Regel heißt: Im Zweifel für den Angreifer. Lieber Herr Dittmann, danke dafür!

Das alles wird die Fans von Hertha BSC in ihrem Groll natürlich nicht besänftigen. Zuletzt wurden sie von einem Schiedsrichter geplagt, der sich als regelunkundig erwiesen hatte (in diesem Fall: kein Mitleid mit Herrn Wagner!), und am Wochenende bekamen sie es mit einem Linienrichter zu tun, der im Zweifel lieber gegen Herthas Angreifer entschied als für ihn. Das Problem ist: Die Regel setzt eine bewusste Entscheidung voraus, doch der Linienrichter kann in der Kürze der Zeit gar nicht anders, als intuitiv zu handeln. Und die Intuition sagt ihm: Lieber ein Tor verhindern, das kein Abseits war, als eins zu geben, das Abseits war. Natürlich ist das nicht regelkonform, aber es ist leider: menschlich.

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