Sport : Stiller Kämpfer

Lothar Emmerich ist tot – mit ihm verliert Deutschland einen zweiten großen Fußballer

Stefan Hermanns

Das Leben als Fußballer hat Lothar Emmerich an viele entlegene Orte verschlagen: als Spieler nach Beerschot in Belgien, Klagenfurt in Österreich, Schweinfurt, Würzburg, Neckargerach und Kastel, als Trainer nach Mainz, Heidenheim, Reutlingen, Bad Kreuznach, Klein-Karben, Hermeskeil, Spabrücken und Idar-Oberstein. Am Ende aber ist Lothar Emmerich wieder dort angekommen, wo alles angefangen hat: im Ruhrgebiet. In Dortmund-Dorstfeld wurde Emmerich geboren, als Sohn eines Bergarbeiters. Er war ein Kind des Potts. „Erst mussten die Tauben in den Schlag, dann ließ mich der Vater zum Fußball“, hat er einmal erzählt. Die Menschen im Revier sind zäh. Im Januar war Emmerich an Lungenkrebs erkrankt. Nach der Chemotherapie sagte er: „Ich habe alle Chancen, wieder ganz gesund zu werden. Ihr kennt doch Emma – der war immer ein Kämpfer.“ Am Donnerstag ist Lothar Emmerich gestorben. Im Ruhrgebiet in der Nähe von Dortmund. Er wurde 61 Jahre alt.

Dortmund war seine Heimat, die Borussia sein Verein. Zuletzt hat Emmerich als Fanbeauftragter für den BVB gearbeitet. „Emma ist ein Kämpfer gewesen, kein Mann großer Worte und ohne Starallüren – einer von uns, ein Borusse vom Scheitel bis zur Sohle“, hat Gerd Niebaum gesagt, der Präsident des Klubs. 185 Bundesligaspiele hat der Linksaußen für den BVB bestritten, 115 Tore erzielt, zweimal war er Torschützenkönig, 1966 gewann er mit den Borussen als erste deutsche Mannschaft den Europacup.

Es gibt zwei Bilder von Lothar Emmerich, die einem sofort in den Sinn kommen. Das erste zeigt ihn wild jubelnd. Beide Arme hat er hoch gerissen, und es scheint, als laufe Emmerich demonstrativ auf den Fotografen zu. Es ist der 24. August 1963, der erste Spieltag der neu gegründeten Fußball-Bundesliga, die erste Minute des Spiels Bremen gegen Dortmund. Emmerich hat den Ball in die Mitte gepasst, Timo Konietzka aus sieben Metern das erste Tor der Bundesligageschichte erzielt. Es gibt kein Bild von diesem Tor, nur vom Moment danach: vom jubelnden Emmerich.

Auf dem zweiten Bild ist der Linksaußen eine Randfigur – und doch mittendrin. Es ist das Viertelfinale der WM 1966 in England, die 39. Minute im Villa-Park von Birmingham. Die Deutschen liegen 0:1 gegen Spanien zurück. Emmerich steht fast an der Torauslinie. Von dort hat er mit dem linken Fuß aufs spanische Tor geschossen. Torhüter Jose Angel Iribar fliegt waagerecht durch die Luft, aber der Ball landet genau unter der Latte, Deutschland gewinnt 2:1. „Ein Jahrhunderttor“ hat man den Treffer genannt, eins, wie es später auch Marco van Basten im EM-Finale 1988 erzielt hat.

Lothar Emmerich hat in seiner Karriere nur fünf Länderspiele bestritten. Ein großer Fußballer ist er trotzdem gewesen.

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