Stiloffensive (3) : Die sichere Verbürzelung Portugals

An dieser Stelle schreibt Esther Kogelboom im Wechsel mit Verena Friederike Hasel über die modischen Verirrungen bei der EM. Heute gratuliert sie Ronaldo zu seinen Nackensträhnen.

Esther Kogelboom
Kogelboom
Esther Kogelboom, Tagesspiegel-Kolumnistin.Foto: Tsp

Mit der Fußballer-Frisurenmode ist es so ähnlich wie mit der „normalen“ Mode: Es war im Prinzip alles schon mal da. Lange Haare, kurze Haare, Glatzen, Fransen, Locken, Asymmetrie, Irokesen, Schnauzer, Voll-, Dreitagebart. Und wenn alles schon da war, kann man nichts mehr neu erfinden, sondern nur noch zitieren: das beste aus den 60ern, 70ern, 80ern; inzwischen sogar aus den 90ern.

Ronaldos neuer Schnitt ist ein geniales Musterbeispiel für ungenierte Bricolage, ein Formatradio-Programm aus Haaren.

Von vorn aus betrachtet handelt es sich nämlich um eine fast schon enttäuschende 08/15-Herrenfrisur, wie sie gerade Common Sense ist. Kurz eben, aber nicht zu kurz. Den Clou offenbart sie erst im Profil: Die im Verhältnis etwas länger gewachsenen Nackenhaare wölben sich – wie fein über die Rundbürste gezogen – nach innen. Und erst von hinten zeigt sich die komplette Bürzelhaftigkeit von Ronaldos neuer Frisur.

Wo also hat man das schon gesehen? Ein bisschen erinnern diese wie zufällig nachgewachsenen Nackenstähnen an den Style der Renee-Mädchen (nur Pony und Nackenhaare, dazwischen nichts oder wenig). Dann spielt noch das 80er-Jahre-Herrenzöpfchen mit rein (vgl. Pur-Sänger Hartmut Engler), wir erinnern uns mit Grausen, doch dafür ist das, was Ronaldo stehen lässt, noch nicht lang genug.

Da ja eine der wichtigsten Eigenschaften der Fußballerfrisur ein relativ leicht nachzustylendes Alleinstellungsmerkmal ist, kann man Ronaldo zu diesem klugen Schachzug nur gratulieren. Denn wenn er sich nicht allzu sehr daneben benimmt, werden schon bald alle portugiesischen Jungs den Ronaldo-Bürzel tragen – so wie 2002 der gemäßigte Beckham-Iro en Vogue war und 2006 das Frings-Haarband. Und mit der zunehmenden Verbürzelung Portugals wächst auch Ronaldos Popularität über Portugals Grenzen hinaus.

Jetzt muss Ronaldo so cool bleiben und darf bloß nicht den Camoranesi-Fehler machen. Der italienische Spieler schnitt sich nach dem Finalspiel der WM 2006 noch auf dem Rasen seinen langen, dunkelbraunen Zopf ab. Inzwischen sind die Haare wieder auf Kinnlänge nachgewachsen – aber ein Alleinstellungsmerkmal ist das nicht.

Ronaldo
Ziemlich genial. Was von vorne aussieht wie ein 08/15-Männerhaarschnitt, überrascht im Profil.Foto: firo

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