Sport : Storcks Zwerge

Mit ihrem Nationaltrainer aus Deutschland haben die Kasachen in der EM-Qualifikation aus drei Spielen noch keinen Punkt geholt

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Steppenwolf. Bernd Storck trainiert die kasachische Auswahl. Foto: dpa
Steppenwolf. Bernd Storck trainiert die kasachische Auswahl. Foto: dpaFoto: dpa

Irgendwann findet sich doch ein Hinweis darauf, dass bald Fußball gespielt wird in der kasachischen Steppe. Eine einsame Leuchtwand mit zwei kickenden Männern, ungefähr in der Mitte der Magistrale zwischen Flughafen und Innenstadt. Die Leuchtwand blinkt und glitzert, was so ungewöhnlich nicht ist, denn in Astana blinkt und glitzert alles, was in jüngster Zeit gebaut worden ist, also die halbe Stadt. Zum Beispiel Khan Satyr, das größte Zelt der Welt, es beherbergt Palmen, Swimmingpool und Shopping Mall, was es halt so braucht zum modernen Leben. Zur Einweihung vor ein paar Monaten kamen Staatsoberhäupter aus der ganzen Welt, und Andrea Bocelli sang dazu.

Heute gastiert hier zum ersten Mal die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, die gestern ohne Jerome Boateng in Astana gelandet war. Der Verteidiger musste die Reise wegen Magenproblemen absagen. Mesut Özil nahm dagegen nach seiner Knöchelverletzung am gestrigen Training teil. Sein Einsatz soll sich aber erst unmittelbar vor dem Spiel entscheiden. Das Spiel wird zur eher suboptimalen Ortszeit um 23 Uhr angepfiffen, da wäre es schon schön, „wenn 20 000 Leute kommen würden“, sagt Bernd Storck, der deutsche Trainer der kasachischen Nationalmannschaft. „Für uns ist es das größte Spiel der Geschichte, aber Astana ist leider keine Fußball-Hochburg.“ Als sich die Kasachen am Freitag beim 0:2 gegen Belgien im dritten EM-Qualifikationsspiel ihre dritte Niederlage abholten, verloren sich 8500 Zuschauer in der Astana Arena.

Die Kasachen sie sind eine Weltmacht im Gewichtheben, sie verfügen über respektable Eishockeyspieler und Boxer, und die Begeisterung für das Radsportteam Astana ist trotz aller Doping-Verwicklungen ungebrochen. Nur Fußball ist keine große Nummer. Die Nationalmannschaft versuchte sich nach der 1992 erlangten Unabhängigkeit zunächst beim asiatischen und seit 2002 beim europäischen Verband. In der Qualifikation zur WM 2010 gingen zehn von zwölf Spielen verloren, aber immerhin wurde zweimal gegen Andorra gewonnen.

In der Weltrangliste stehen die Kasachen auf Platz 126. Bernd Storck sagt, er sehe durchaus Parallelen zur deutschen Mannschaft, „auch wir haben eine junge Mannschaft aufgebaut, unser Ziel ist die EM 2016“. Er würde gern weitermachen, doch sein Vertrag läuft aus, und als ein kasachischer Reporter fragt, ob er gegen die Deutschen schon seine Abschiedsvorstellung gebe, antwortet Storck: „Da bin ich der falsche Ansprechpartner.“ Aber er habe ein großartiges Verhältnis zum Verteidigungsminister, der auch Verbandspräsident ist, „der hat richtig Ahnung vom Fußball“. Und natürlich hoffe er, dass man ihm im kommenden Jahr noch die Spiele gönne, „die man auch gewinnen kann“, zweimal gegen Aserbaidschan.

Storck ist 47 Jahre alt, er war früher Kotrainer von Hertha BSC und arbeitet seit zweieinhalb Jahren in Kasachstan. Öl, Gas, Kohle und Uran haben dem Land einen beispiellosen Aufschwung beschert. Nirgendwo ist er so deutlich zu erkennen wie in Astana, das vor 13 Jahren noch Aqmola hieß und ein unbedeutendes Industriestädtchen in der zentralasiatischen Steppe war. Weil es Staatspräsident Nursultan Nasarbajew im erdbebengefährdeten Almaty nicht mehr so gut gefiel, wünschte er sich eine neue Hauptstadt. Nasabarjew ist Präsident auf Lebenszeit, seine Wünsche haben in Kasachstan Gesetzescharakter. Also wurde um das alte Aqmola eine neue Kapitale gebaut, die Nasarbajew praktischerweise „Hauptstadt“ nannte, dafür steht „Astana“ nämlich auf Kasachisch.

Astanas großer Vorzug war neben der zentralen Lage das großzügige Platzangebot in der endlosen Steppe. Nasarbajew ließ Architekten aus der ganzen Welt einfliegen, ihre Werke sollten vom neuen Reichtum des einstigen Nomadenvolkes künden. Wo früher menschenleere Steppe war, sind heute menschenleere Boulevards und Plätze, Shopping Malls und im bunten Stilwirrwarr hingeklotzte Wolkenkratzer. Das Astana des dritten Jahrtausends kommt mit seiner glitzernden Skyline daher wie eine Mischung aus Dubai und Las Vegas, nur noch eine Spur protziger und unwirklicher. Neben dem größten Zelt der Welt gibt es hier die größte Mosche und die größte Synagoge Zentralasiens. Und das modernste Fußballstadion.

Zwischen Stadt und Flughafen haben die neureichen Kasachen für 150 Millionen Euro die 30 000 Zuschauer fassende Astana Arena hinklotzen lassen. Mit bronzener Außenhaut, verschließbarem Dach und supermodernem Kunstrasen. Zur Eröffnung im Juli 2009 kamen die einstigen Weltstars Andrej Schewtschenko und Hakan Sükür, als Schiedsrichter fungierte Pierluigi Collina, und Nasarbajew führte den Anstoß aus. Eine hübsche Generalprobe für die Asiatischen Winterspiele, die 2011 in Astana stattfinden werden.

Wird Nasabarjew sich auch das Fußballspiel gegen die Deutschen ansehen? Bernd Storck guckt ratlos und sagt, anders als den fußballweisen Verteidigungsminister kenne er den Präsidenten leider nicht, aber „ich glaube … ja, er kommt“.

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