Strafe für Lahm : Bayerns Bosse schlagen zurück

Die Münchner Klubführung reagiert hart auf Philipp Lahms öffentliche Kritik und verhängt eine Geldstrafe in Rekordhöhe - auch Luca Toni muss zahlen.

Thomas Becker[München]
Geldstrafen für Lahm und Toni
Ungemütliche Zeiten. Philipp Lahm (l) und Luca Toni müssen blechen.Foto: dpa

Weder Bodentruppen noch die Luftwaffe sind im Einsatz, die Marine ist vorerst mal im Hafen geblieben, und auch die Kavallerie ist nicht ausgerückt. Die Waffen, mit denen beim FC Bayern München derzeit gekämpft wird, sind handelsüblich. Doch auch die können – in der entsprechenden Anordnung – Wunden zufügen. Tiefe Wunden.

Der Rekordmeister liegt nach dem 1:1 gegen Schalke und zwölf Saisonspielen auf Rang acht, sechs Punkte hinter Tabellenführer Bayer Leverkusen, dem nächsten Gast in der Münchner Arena. Das allein ist für den FC Bayern ein mittleres Desaster, vor allem angesichts der immensen Transfergeschäfte, die der Klub mit dem legendären Festgeldkonto vor dieser Saison getätigt hatte. Auch ein neuer Trainer ist an Bord, und Louis van Gaal sagte zum Spiel: „Es fehlten aber immer zwei, drei oder fünf Zentimeter. Das muss sich ändern.“ Regelmäßige Besucher kennen diese Diktion, an diesem Abend interessierte sich überhaupt niemand dafür. Auch Luca Toni, der nach seiner Auswechslung wutentbrannt das Stadion verlassen hatte, war kaum ein Thema.

Das Publikum wartete darauf, wie Uli Hoeneß auf die Worte von Philipp Lahm reagieren würde. Der Vizekapitän des FC Bayern hatte in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ die Missstände bei seinem Arbeitgeber aufgezeigt, die Transferpolitik der vergangenen Jahren kritisiert und erklärt, dass er so etwas wie eine Linie, eine Philosophie vermisse. Und Hoeneß’ Reaktion fiel hart aus. „Sie können sicher sein, dass er dieses Interview noch bedauern wird“, sagte er am Samstag. „Man kann mit uns über alles sprechen, aber bei uns hinter der Tür.“

Am Sonntag ließ der Manager Taten folgen. Am Nachmittag meldete der Klub auf seiner Homepage nicht bezifferte Geldstrafen gegen Luca Toni und Philipp Lahm. Der Verteidiger, der „in eklatanter und unverzeihlicher Art und Weise gegen interne Regeln verstoßen“ habe, werde eine Geldstrafe erhalten, „wie es sie in dieser Höhe beim FC Bayern München noch nicht gegeben“ habe. „Es ist ein absolutes Tabu, in der Öffentlichkeit Kritik gegen den Klub, den Trainer und Mitspieler zu äußern“, erklärte der Vorstandsvorsitzende Karlheinz Rummenigge bei „Sky“. Er sei „enttäuscht, weil Lahm eine besondere Verantwortung für die Mannschaft und den Klub trägt“. Luca Toni habe sich entschuldigt, bei Lahm warte man hingegen noch darauf. „Vielleicht geht er ja noch in sich“, sagte Rummenigge.

Hoeneß holte sogar zum Gegenschlag aus und kritisierte den Fußballer Lahm: „Bisher habe ich auch nichts darüber gesagt, ob er besser rechts oder links spielt. Aber die Meinung, dass er ein guter rechter Verteidiger ist, hat er ziemlich exklusiv.“ Hoeneß führt den FC Bayern seit Jahrzehnten, am 27. diesen Monats ist auf der Mitgliederversammlung seine Inthronisierung zum Präsidenten anberaumt – Lahms kritische Anmerkungen sind dieser Zeremonie nicht unbedingt angemessen.

Und dass dieses Interview nicht, wie beim FC Bayern üblich, über die Pressestelle ging, sondern direkt über Lahm und dessen Berater Roman Grill, einen ehemaligen Bayern-Spieler und Bayern-Angestellten und Beinahe-Sportdirektor beim HSV, all das ist noch mal eine eigene Geschichte, die Hoeneß zu folgenden bemerkenswerten Sätzen veranlasste: „Ich dachte, der will ja auch mal wieder Spieler an uns verkaufen. Das war kein guter Nachmittag für Roman Grill. Das wird den beiden nicht gut bekommen.“

Die Mannschaft wird sich nach Lahms offenen Worten womöglich in zwei Lager spalten: in Van-Gaal-Profiteure wie Kapitän Mark van Bommel und in eine Kritikerfraktion, die Lahm insgeheim recht gibt. Gerade bei den Kollegen der Abteilung Mittelfeld hat sich der Verteidiger natürlich keine Freunde gemacht. Wie auch?, nach solchen Sätzen: „Wen soll man denn da anspielen?“, hatte Lahm im Interview gefragt.

Der Dauerexperte Udo Lattek mutmaßt: „Es kann sein, dass er dadurch jetzt vollkommen separiert ist.“ Es könnte aber noch schlimmer kommen, mutmaßt Lattek: „Wenn’s in der Kabine hart auf hart kommt, dann kriegt er vielleicht mal eins auf die Backe.“ Lahms früherer Kollege Oliver Kahn sieht das alles weniger dramatisch: „Dass man mal aneckt und Tacheles redet, ist eigentlich gang und gäbe. Das setzt auch wieder Energien frei.“

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