Sport : Strampeln gegen den Ullrich-Hype

Für Erik Zabel und seine Kollegen von Team Telekom geht es bei der Deutschland-Tour nicht nur um Siege

Hartmut Scherzer

Kronach. Nie waren die Sprintsiege von Erik Zabel so wichtig und so wertvoll wie im Moment, für sein Rad-Team Telekom jedenfalls. Zabel spurtet nicht nur gegen andere Topsprinter, sondern auch gegen die übermächtige Popularität Jan Ullrichs. „Früher hatten wir das Sympathie-Monopol“, sagt Zabel fast ein wenig wehmütig. „Doch seit letzten Juli erleben wir, dass die Medien mehr über Jan berichten als über die Rennen." Und damit weniger über Zabel und Kollegen, die laut Zabel „nichts anderes machen, als normal zu arbeiten und Radrennen zu fahren“. Doch arbeiten und siegen allein reichen nicht, um gegen den „Jan-Ullrich-Hype“ („Spiegel“) anzukommen.

Als der Tour-Sieger von 1997 nach seinen Frühjahrsaffären im Sommer 2002 das Team Telekom verließ, sank das Interesse an dem Bonner Rennstall. Das monatelange Rätselraten um das neue Team, das Comeback nach Knieverletzung und Dopingsperre, der mühelose Sieg bei „Rund um Köln“, die bevorstehende Vaterschaft, das Chaos bei Coast, die Rettung durch Bianchi überschatteten alles, was Telekom zu bieten hatte: Zabels und Hondos Etappenerfolge, die Triumphe Kliers bei Gent – Wevelgem, Winokurows bei Paris – Nizza und beim Amstel Gold Race, der Erfolg von Wesemann bei der Friedensfahrt.

Als Medien-Magnet ist „Jan durch nichts zu ersetzen“, sagt Olaf Ludwig, der Mediensprecher des Teams Telekom. Seit über einem Jahr strampeln die Fahrer von Telekom gegen die Schlagzeilen-Dominanz Jan Ullrichs. Zabel und Co. können siegen und gewinnen, wo und was sie wollen, gegen den Status ihres neuen Rivalen kommen sie nicht an. Telekom hat daher die Deutschland-Tour „zum wichtigsten Rennen nach der Tour de France“ (Ludwig) erklärt. Der Stellenwert ergebe sich auch aus der „Dreifaltigkeit von deutschem Sponsor, deutschem Team, deutschem Rennen“. Nach „unserem Anspruch müssen wir um den Sieg mitfahren“, sagt Ludwig.

Folgerichtig radelt die stärkste Telekom-Mannschaft durch Deutschland, auch damit die kaum bekannten Gesichter der internationalen Spitzenfahrer den Fans vertrauter werden. Santiago Botero, der Zeitfahrweltmeister aus Kolumbien, gibt sein Deutschland-Debüt und ist sich der Verantwortung bewusst: „Wir müssen beweisen, dass wir die stärkste deutsche Mannschaft sind.“ Der Italiener Paolo Savoldelli, Giro-Sieger des Vorjahres, gab sein deutsches Debüt nach dem schweren Trainingssturz schon bei der Bayern-Rundfahrt. Der Australier Cadel Evans aber muss sich einer Operation seines gebrochenen Schlüsselbeins unterziehen und wird daher auch bei der Tour de France fehlen. „Ein schwerer Verlust, der unsere ganze Strategie für die Tour über den Haufen wirft“, sagt Teamchef Walter Godefroot. „Evans ist unser bester Kletterer.“ Natürlich trauert der Belgier dem deutschen Superstar nach, dem er für eine Rückkehr die Tür stets offen gehalten hatte. „Für Jan wäre bei uns immer Platz gewesen.“ Godefroot tröstet sich damit, dass die Popularität Ullrichs der Aufmerksamkeit für sein Team indirekt zugute komme. „Jan lockt das Publikum vor den Fernseher. Wenn wir dann gewinnen, ist das doch die beste Werbung für uns.“ Weil allein das Gesicht von Erik Zabel so bekannt ist wie das Jan Ullrichs, hat Godefroot dessen Vertrag bis 2005 verlängert.

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