• Stress bis zum kontinentalen Finale. Für den Teamchef Erich Ribbeck ist Regenerationstraining das Wort des Jahres

Sport : Stress bis zum kontinentalen Finale. Für den Teamchef Erich Ribbeck ist Regenerationstraining das Wort des Jahres

Thomas Niklaus

Wenn Erich Ribbeck an nächstes Jahr denkt, wird ihm angst und bange. Doch weniger die Euro 2000 selbst bereitet dem Teamchef Sorgen, vielmehr ist es der Terminstress vor der Europameisterschafts-Endrunde in den Niederlanden und Belgien (10. Juni bis 2. Juli), der den 62-Jährigen vor kaum lösbare Probleme stellt. "Durch die vielen Termine mit DFB-Pokal, Meisterschaft und Europacup bleibt doch kaum Zeit für die Nationalmannschaft, um sie auf dieses Ereignis anständig vorzubereiten", klagt Ribbeck bereits sieben Monate vor dem Auftakt der Europameisterschaft.

In der Tat erwartet die deutschen Fußball-Nationalspieler im ersten Halbjahr des neuen Jahrtausends ein dicht gedrängtes Programm wie noch nie. Bis zum Beginn der EM-Vorbereitung am 23. Mai, drei Tage nach dem letzten Spieltag der Bundesliga, sind englische Wochen an der Tagesordnung. Allein zwischen dem ersten Testspiel im neuen Jahr am 23. Februar in Amsterdam gegen die Niederlande und dem zweiten Länderspiel am 29. März in Zagreb gegen Kroatien liegen vier Spieltage in der Champions League sowie Achtel- und Viertelfinale im Uefa-Cup. Dazu kommen nach der Winterpause 17 Bundesliga-Spieltage und noch zwei Runden im DFB-Pokal.

Für Ribbeck nicht gerade ideal: "Die Spieler spielen fast ausschließlich Samstag, Mittwoch, Samstag. Da werden wir bei der knapp bemessenen Zeit vor Länderspielen keine Gelegenheit haben, vernünftig zu trainieren. Man kann höchstens ein bisschen hin- und herspielen, einmal eine Mauer bilden oder Eckbälle und Standardsituationen üben."

Dass in Leverkusen und Dortmund zwei Teams aus der Champions League ausgeschieden sind, ist Ribbeck deshalb fast entgegengekommen: "Für das Image des deutschen Fußballs ist es natürlich besser, wenn die Bundesliga-Vereine lange im Geschäft sind. Aber normalerweise müsste ich die Daumen drücken, dass möglichst viele unserer Klubs im Europapokal auf der Strecke bleiben."

Ein weiteres Problem durch die Überbelastung in den Vereinen sieht der Teamchef in puncto Motivation für die sechs Freundschaftsspiele der Nationalmannschaft bis zur Europameisterschaft: "Man kann sich vorstellen, mit welcher Einstellung die Spieler dann zur Nationalmannschaft kommen. Aber es muss in die Köpfe der Spieler rein, dass sie auch für Deutschland spielen. Auch wenn es schwer wird."

Um trotzdem bei der EM-Endrunde keinen Einbruch zu erleben, sollen die Nationalspieler in der anstehenden Winterpause die Grundlagen für einen erfolgreichen Saisonabschluss legen. "Diese Phase ist entscheidend für den gesamten weiteren Verlauf. Von dem, was die Spieler sich in der Winterpause erarbeiten, werden sie bis ehren", sagt Nationalmannschafts-Internist Prof. Dr. Wilfried Kindermann. Die Vorstellungen des gebürtigen Hallenser: Zwei bis drei Wochen Pause und anschließend ein systematisches Konditionstraining bis hin zum Start der Rückrunde der Bundesliga am 5. Februar 2000.

Denn danach hätten die Trainer laut Kindermann kaum noch eine Möglichkeit, um im konditionellen Bereich zu arbeiten. Vielmehr sei zwischen den Spielen fast nur noch Regeneration möglich. Ribbeck drückt dies so aus: "Regenerations-Training wird das Wort des Jahres werden."

In der Winterpause werden sich laut Kindermann die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) deshalb auch zu einem Gedankenaustausch treffen: "Dabei muss man darüber reden, wie wir mit dieser neuen Situation umgehen. Noch nie hat es vor einem großen Turnier so viele Spiele gegeben und war die Belastung so hoch." Zudem soll bei einer Bundesliga-Trainertagung besprochen werden, wie die Interessen der Vereine und der Nationalmannschaft unter einen Hut zu bringen sind.

Sicher ist auf jeden Fall, dass sich die Nationalspieler zum Start der Europameisterschaftsvorbereitung erst einmal einem Laktattest unterziehen müssen. Professor Kindermann sagt: "Wir müssen nach der anstrengenden Saison erst einmal den Ist-Zustand überprüfen, um danach das Training auszurichten. Aber sicher wird das kein Konditionstraining, sondern eher ein fußball-spezifisches Training werden."

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