Sport : Stunk im Stall

Red Bull, McLaren, Ferrari, Mercedes: Bei den Formel-1-Spitzenteams toben brisante interne Duelle

Karin Sturm[Montreal]

Nach dem Crash begannen die Aufräumarbeiten. Sebastian Vettel, Mark Webber und Red Bull hatten nach dem unglücklichen und unnötigen teaminternen Unfall beim Formel-1-Rennen in Istanbul jede Menge Schrott beiseite zu räumen. Im Werk in Brackley traf man sich zum Aussöhnungsgespräch, doch heraus kam dabei zumindest für die Öffentlichkeit wenig: Es gab lediglich ein paar wenig aussagekräftige Aussagen beider Fahrer (Vettel: „Wir haben intern diskutiert, dass kein Fahrer in irgendeiner Weise bevorzugt wird“) und ein krampfhaft gestelltes Versöhnungsfoto. Das passte ins verwirrende Krisenmanagement des Rennstalls mit sich fast täglich widersprechenden Aussagen vor allem von Teamchef Christian Horner, was denn nun wirklich warum passiert sei und wer dafür die Verantwortung trage. Sehr souverän wirkte das alles nicht. Die Fahrer müssen jetzt beim Rennen in Montreal am Wochenende auf der Stecke beweisen, dass sie es besser können – und aus dem Zwischenfall ihre Lektion gelernt haben. Sich in Zukunft nur noch so zu bekämpfen, dass zumindest beide Autos auf der Strecke bleiben, das sollte das Minimalziel sein. Damit nicht wieder die Konkurrenz profitiert wie in der Türkei, als die McLaren-Piloten Lewis Hamilton und Jenson Button so an den ramponierten Red Bulls zu einem Doppelsieg vorbeiziehen konnten. Button hofft schon, „dass die noch eine Weile weiterstreiten, das kann uns nur nutzen“.

Allerdings ist Red Bull nicht der einzige Formel-1-Betrieb mit einem angespannten Klima. Genau genommen schwelen derzeit bei allen Spitzenteams brisante Kollegenduelle. So beharken sich etwa die Ferrari-Fahrer Fernando Alonso und Felipe Massa mit bisweilen knallharten Manövern. Und auch McLaren darf erst einmal vor der eigenen Türe kehren. Denn auch dort sorgten wie bei Red Bull gewisse Kommunikationsprobleme dafür, dass nicht viel fehlte und es richtig gekracht hätte. Die Verständigungsschwierigkeiten ergaben sich wohl auch aus der Angst, die Rennkommissare könnten aus eventuellen klaren Anweisungen an die Fahrer eine verbotene Stallorder herauslesen. Deshalb wird am Funk nicht mehr Klartext geredet und Missverständnisse sind vorprogrammiert. Lewis Hamilton war jedenfalls in Istanbul über die erste Attacke von Jenson Button, die er dann mit einem mindestens ebenso harten Manöver konterte, sehr überrascht und alles andere als begeistert. Der McLaren-Kommandostand, der danach beide noch einmal sehr energisch zum „Spritsparen“ (dechiffriert heißt das zum Halten der Positionen) aufforderte, mit Sicherheit auch nicht.

In Kanada ist McLaren nun dank des Geschwindigkeitüberschusses auf der Geraden durch den „F-Schacht“ sogar leichter Favorit vor Red Bull. Auch in Montreal ist ein hartes Duell der Teamkollegen zu erwarten. Denn der amtierende Weltmeister Button, der sich bisher in seinem ersten McLaren-Jahr erstaunlich gut gegen Hamilton schlug, weiß: Wenn Hamilton, der Weltmeister des Jahres 2008 und McLaren-Liebling, jetzt zwei Rennen hintereinander gewinnt und vielleicht sogar die WM-Führung übernimmt, dann könnte die derzeit noch recht neutrale Stimmung im Team sehr schnell wieder eindeutig pro Hamilton ausfallen.

Beim Mercedes-Werksteam fährt man zwar noch nicht um Siege, hat aber sonst eine durchaus vergleichbare interne Situation. Michael Schumacher, der strahlende Werbeheld für die Silbernen und langjährige Partner von Teamchef Ross Brawn als erfolgreichstes Gespann der Formel-1-Geschichte, sah zu Beginn der Saison kein Land gegen Nico Rosberg. Jetzt sieht das auf einmal etwas anders aus. Seitdem Mercedes in Barcelona das Auto mit dem längeren Radstand brachte, ist Rosbergs klarer Vorsprung gegenüber Schumacher dahin. Das weckt Verschwörungstheorien, auch angesichts von unglücklichen Strategieentscheidungen. Wie in Monaco, als Rosberg deutlich vor Schumacher lag und durch einen zu späten Boxenstopp zurückgeworfen wurde. Auch in Istanbul war Rosberg eigentlich schneller, erwischte jedoch ausgerechnet im entscheidenden Qualifying einen „schlechten Reifensatz“. Im Rennen klebte er permanent an Schumacher, ohne aber je eine Attacke auch nur zu versuchen.

Offiziell betonen freilich bei Mercedes alle einschließlich Rosberg und Schumacher immer wieder, dass es überhaupt keine Probleme gebe, beide bestens zusammenarbeiteten und inzwischen eben auf ziemlich gleichem Niveau fahren würden, was sich daran zeige, dass eben einmal der eine, einmal der andere knapp vorne sei. Ehemalige Teamkollegen von Schumacher wie der Finne JJ Lehto oder der Brite Johnny Herbert vermuten aber bereits, „dass da intern was läuft“. Herbert warnt Rosberg bereits: „Nico muss aufpassen.“

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