Sport : Tag der Entscheidung

Wie Jürgen Klinsmann seinem Torwart Oliver Kahn mitteilte, dass Jens Lehmann die neue Nummer eins ist

Moritz Küpper[München]

Es war 13. 40 Uhr, als Oliver Kahn gestern mit seiner Limousine an der Säbener Straße auf das Trainingsgelände des FC Bayern München einbog. Entgegen seiner Gewohnheit parkte der Torwart des Fußball-Bundesligisten genau vor der Geschäftsstelle seines Arbeitgebers. Kahn verschwand in dem Gebäude, das sein Vereinstrainer Felix Magath kurz nach 14 Uhr betrat. Knapp 20 Minuten später kamen Magath und Kahn gemeinsam aus der Geschäftsstelle. Kommentarlos stieg Kahn in sein Auto und fuhr es vor den Trakt mit den Umkleidekabinen. Selten zuvor wohl ging der Torhüter eine Übungseinheit bei seinem Klub in so deprimierter Stimmung an wie am Freitagnachmittag. Auf der Geschäftsstelle der Bayern hatten Magath, Manager Uli Hoeneß und er keine Entscheidung gefällt, sondern nur noch über eine Entscheidung gesprochen, die früher als erwartet gefallen ist: 63 Tage vor Beginn der Weltmeisterschaft in Deutschland hat sich Bundestrainer Jürgen Klinsmann auf seinen Torwart für die Weltmeisterschaft festgelegt. Er heißt Jens Lehmann.

Am Freitagmittag hatte sich Kahn mit Nationaltrainer Klinsmann, Assistenztrainer Joachim Löw und Torwarttrainer Andreas Köpke in einem Münchner Hotel zu einem Gespräch getroffen. Klinsmann teilte Kahn die Entscheidung pro Lehmann mit: „Dies war die schwierigste Entscheidung meiner Amtszeit“, sagte der Bundestrainer. Eine Pressekonferenz mit Klinsmann war ursprünglich nicht geplant. Erst die Journalisten in der Hotellobby nötigten ihn schließlich doch noch zu der kurzen persönlichen Erklärung.

Der Druck der jüngsten Tage habe ihn dazu bewegt, die Entscheidung früher als geplant zu fällen, erklärte Klinsmann. „Es war der Wunsch des FC Bayern, damit der Druck auf den Oliver nicht zu groß wird. Nach dem Spiel gegen die USA haben wir die Entwicklung in der vergangenen 20 Monaten intensiv analysiert und nun eine Entscheidung getroffen“, sagte der Bundestrainer. „Wir sehen Jens einen Tick stärker. Natürlich ist Oliver enttäuscht, aber er hat sich als wahrer Sportsmann präsentiert.“

Laut Torwarttrainer Köpke ist Lehmann, der Torhüter vom FC Arsenal aus der englischen Premier League, die richtige Wahl für das System Klinsmann. „Wir sind davon überzeugt, dass Jens Lehmann besser zu unserer Spielphilosophie passt“, sagte Köpke. Oliver Bierhoff, Manager der Nationalmannschaft, appellierte „an alle, diese Entscheidung zu respektieren und dem Team und Lehmann das nötige Vertrauen entgegenzubringen“. Lehmann war bei den WM-Turnieren 1998 und 2002 nur Ersatztorwart. Er wurde gestern von Klinsmann nach dessen Gespräch mit Kahn über die Entscheidung informiert.

Im August 2004 hatte Klinsmann vor seinem ersten Spiel als Bundestrainer in Österreich Kahn als Kapitän abgesetzt und Michael Ballack zu dessen Nachfolger ernannt. Damals sagte der Bundestrainer: „Es gibt eine klare Grundkonstellation: Oliver Kahn ist die Nummer eins, Jens Lehmann die Nummer zwei. Jens ist der Herausforderer, Oliver muss seinen Platz verteidigen.“

Kahn, der 84 Länderspiele bestritten hat, sagte gestern nichts, sondern ließ sich in einer Pressemitteilung der Bayern mit den Worten zitieren: „Ich bin über diese Entscheidung sehr überrascht und maßlos enttäuscht.“ Es ist noch nicht klar, ob er bei der WM als Ersatztorwart zur Verfügung steht. Nach dem Treffen mit den Nationaltrainern verabschiedete er sich vielsagend. „Er hat uns Glück gewünscht“, berichtete Bierhoff. Kahn teilte mit: „Über meine weitere Zukunft in der Nationalmannschaft werde ich mir in den kommenden Wochen Gedanken machen.“ Klinsmann sagte dazu: „Wir stecken nicht in der Person Kahn, wir werden die nächsten Wochen abwarten.“ Noch nie aber hat ein Torhüter der deutschen Nationalmannschaft, der bei der WM die Nummer eins war, beim nächsten Turnier als Ersatzmann auf der Bank gesessen.

Im Training der Bayern hat Kahn gestern laut seinem Trainer einen guten und lockeren Eindruck gemacht. „Er ist gut drauf“, sagte Magath. Am späten Nachmittag verließ die Mannschaft das Trainingsgelände an der Säbener Straße, Kahn verzog unter seiner Baseballmütze keine Miene, als er zum Parkplatz ging. Um 16.04 Uhr bestieg er sein Auto. Um 17.30 Uhr flog die Mannschaft dann von München nach Bremen. Dort stieg er nach der Landung sofort in den Mannschaftsbus, ohne ein Wort zu sagen.

Nach seiner Rippenprellung, die ihn zuletzt zweimal zur vorzeitigen Aufgabe gezwungen hatte, absolvierte Kahn in dieser Woche wieder das komplette Trainingsprogramm, heute in Bremen will er spielen. Dort trifft Kahn auf Menschen, die Mitgefühl mit seiner Situation haben. „Wenn die Bundestrainer Jens Lehmann vorne sehen, ist das ihre legitime Entscheidung“, sagte Werders Trainer Thomas Schaaf. „Ich finde es unglücklich, dass die Entscheidung vor einem Spieltag bekannt gegeben wird.“ Das könnte Schaaf Klinsmann auch persönlich sagen. Der Bundestrainer ist heute ebenfalls in Bremen.

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