Sport : Tagträume in Sachsen-Anhalt

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Herr Gislason, haben Sie gut geschlafen?

Ja, aber warum fragen Sie danach?

Nun, Ihr Verein, der SC Magdeburg, kann heute als erster Bundesligist in der Geschichte die Handball-Champions-League gewinnen.

Stimmt. Eine gewisse Anspannung ist da. Ich habe sogar schon davon geträumt. Aber nicht in der Nacht. Es waren Tagträume.

Mit der knappen 21:23-Niederlage im Final-Hinspiel beim Ungarischen Meister Fotex Veszprem hat sich die Mannschaft eine gute Ausgangsposition geschaffen. Der Titel ist ganz nah. Wie sind die Chancen dafür, dass Ihre Träume erfüllt werden?

Bei 51 Prozent.

Wofür steht das eine Prozent?

Wir spielen zu Hause.

Ob allein das reichen wird?

Wir waren in den Rückspielen der Champions-League immer besser. Zudem schätze ich uns konditionell stärker ein, und wir haben noch viele Reserven. In Ungarn waren 40 Grad in der Halle - mit ein Grund dafür, dass wir nur durchschnittlich waren. Wir sind kaum Tempogegenstöße gelaufen, von Außen ist bei uns kein Tor gefallen. Hier haben wir noch Potenzial.

Klingt vielversprechend.

Ja, aber Veszprem hatte zu Hause auch nicht sein bestes Spiel. Wir sind beide sehr routinierte Teams. Entscheidend wird sein, wer seine Linie besser durchziehen kann und wer die Nerven behält.

Und, werden Ihre Spieler die Nerven behalten?

Ich denke schon. Natürlich merkt man den Spielern an, dass sie auf das Finale fixiert sind. Sie sind sehr konzentriert, die Stimmung ist aber optimistisch. Wir haben nur zwei Tore aufzuholen. Und wir werden 8000 Fans im Rücken haben. Die Euphorie im Umfeld ist groß, es wird langsam schon fast ein bisschen zu viel. Das Spiel wird zum Jahrhundertereignis gemacht. Wir versuchen, bodenständig zu bleiben. Natürlich ist es auch für uns keine ganz normale Begegnung.

Warum ist Magdeburg im Handball noch immer so erfolgreich, während sich andere ostdeutsche Traditionsvereine nach der Wende nicht oben halten konnten?

Den Vereinen in Leipzig oder Rostock ist es nicht gelungen, ihr sozialistisches System nach der Wende auf die freie Marktwirtschaft umzustellen. Das lag vielfach an den Führungskräften der Klubs, aber auch daran, dass ihnen die Spieler weggelaufen sind und sie ihren Spielbetrieb nicht erhalten konnten. In Magdeburg hat die Umstellung geklappt, ohne dass der Verein dabei auseinandergebrochen ist. Er blieb in seiner Grundstruktur bestehen, und die Spieler blieben ihm treu.

Der Manager will den SCM zu einem aufpolierten öffentlichen Ansehen verhelfen und ihn attraktiver für Jugendliche gestalten. Dem Verein wird ein Biedermann-Image nachgesagt.

Moment, ich finde, wir sind einer der Klubs mit dem besten Image und keineswegs bieder. Der SC Magdeburg steht für Welthandball. Aber man kann immer etwas verbessern. Eine gute Wirkung nach außen ist wichtig für die Popularität des gesamten Handballs. Der Gewinn der Champions-League könnte vielleicht auch dem Image der Stadt Magdeburg und des Bundeslandes Sachsen-Anhalt etwas auf die Sprünge helfen.

Das scheint bitter nötig. Sachsen-Anhalt hat den Ruf des Aschenputtels der neuen Bundesländer und gilt landläufig als wenig attraktiv. Sie lachen.

Ja, so denken viele. Aber das ist falsch. Man kann die hohe Arbeitslosigkeit nicht schön reden, aber Sachsen-Anhalt hat Einiges zu bieten.

Ach ja? Helfen Sie uns?

Die Gegend hier ist landschaftlich fantastisch.

Das sagt ausgerechnet ein Isländer?

Und ob. Selbst die Stadt Magdeburg hat sich entwickelt. Wir haben eine sehr schöne Innenstadt. Die Leute sehen immer nur die Plattenbauten, wenn sie auf der Autobahn an Magdeburg vorbeifahren.

Sie scheinen sich wohl in Magdeburg zu fühlen. Viele ihrer Mitbürger aber sind unzufrieden, das Ergebnis der Landtagswahl war eindeutig.

Ich lebe recht gut hier. Klar, es gibt soziale Probleme. Wir im Handball merken, dass die Leute hier nicht gerade reich sind. Sonst würden sie dreimal pro Woche zu Spielen von uns kommen.

Daran würde auch der Gewinn der Champions-League nichts ändern.

Natürlich nicht, aber der Titel wäre sehr wichtig und ein Aushängeschild für die Stadt. Er könnte den Menschen in der Region ein positives Gefühl vermitteln und ihnen signalisieren, dass wir zumindest im Handball der Mittelpunkt der Welt sind.

Das Gespräch führte Natalie Greß.

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