Sport : Taktik für Manager

Rudi Assauer nimmt sich zurück vor dem Schalker Spiel gegen Fenerbahce

Richard Leipold[Gelsenkirchen]

Wenigstens einer zeigt bei Schalke 04 derzeit taktische Disziplin: „Es liegt nicht am Trainer, und wir haben noch nicht angefangen, über ihn zu diskutieren“, sagt Manager Rudi Assauer und fährt fort mit einem Satz, der Sprachexperten vermutlich zu einer ausführlichen Analyse ermuntern würde. „Es wird auch nach dem Spiel keine Trainerdiskussion geben, auch nicht nach einer Niederlage, die nicht stattfinden wird gegen Fenerbahce.“ Diese verworrene Formulierung mag als – vorläufige – Arbeitsplatzgarantie gemeint sein, lässt aber bei wörtlicher Auslegung eine andere Deutung zu oder wirft zumindest eine Frage auf: Was geschieht, wenn die Niederlage doch „stattfindet“? Nach Niederlagen gegen Frankfurt (0:6) im DFB-Pokal und gegen den Hamburger SV (0:1) in der Bundesliga steht heute gegen Fenerbahce Istanbul (20.45 Uhr, live auf Premiere) Schalkes Zukunft im Europacup auf dem Spiel. Gewinnen die Westfalen ihr Heimspiel gegen den Türkischen Meister nicht, „dann können wir die Champions League fast abhaken“, sagt Assauer. Der Einzug ins Achtelfinale wäre kaum mehr möglich.

Mit Blick auf die herausragende Bedeutung der Partie hat der Vorstand beschlossen, die Spieler in die Verantwortung zu nehmen und den Trainer zu schonen. Daran hält sich sogar Rudi Assauer. Wie es scheint, hat mancher Kritiker ihn unterschätzt. Der Manager kann seinen Machtanspruch sicher nicht mehr so selbstgewiss, ja selbstherrlich vertreten wie auf dem Höhepunkt seiner Regierungszeit. Aber wie es scheint, ist er clever genug, diesem Umstand Rechnung zu tragen. Seine Rhetorik mutet nicht mehr so grob an wie zu jener Zeit, als er sich für unantastbar hielt. Sein Instinkt bringt ihn dazu, sich geschickter zu äußern, verbal mehr zu taktieren. In den Tagen der sich zuspitzenden Krise hütet Assauer sich davor, den Trainer offen in Frage zu stellen. Das wäre vor einer derart wichtigen Partie der größtmögliche Fehler.

Der Manager fährt zweigleisig. Für den Fall, dass der Trainer sich behauptet, stützt er ihn und erklärt jede Kritik für verfehlt. Andererseits lässt Assauer Bemerkungen fallen, die erst auf den zweiten Blick oder beim zweiten Hinhören zu denken geben. Über die Position des Trainers werde nicht nachgedacht – jedenfalls „nicht kurzfristig“. In einem anderen Gespräch erwähnt Assauer dezent, dass Schalke „den besten Kader der vergangenen Jahre hat“. Auch ein Hinweis, der geeignet ist, Druck auszuüben. Assauer war nicht die treibende Kraft bei der Verpflichtung Rangnicks. Falls es wieder schief geht, sind andere in Erklärungsnot, etwa der schwäbische Teammanager Andreas Müller. Assauer weiß oder darf wenigstens vermuten, dass hinter den Kulissen und bei den Fans, die lange stillgehalten haben, die Stimmung kippt, wenn auch das Istanbul-Spiel oder gar das nächste Bundesligaspiel gegen Duisburg nicht gewonnen wird.

Bei zehn Punkten Rückstand auf die Bayern ist das erste Saisonziel, die deutsche Meisterschaft, unrealistisch, aus dem nationalen Pokalwettbewerb ist Schalke ausgeschieden. Der Verbleib in der Champions League könnte die Saison retten und Schwung für die Rückrunde geben. Für die Bundesliga stellt Assauer eine „alte Hochrechnung“ auf: Wer im Schnitt zwei Punkte pro Spiel hole, komme auf jeden Fall unter die ersten drei. „Da müssen wir aufholen.“ Wie ein Kampfrichter im Hochsprung legt er die Latte ein weiteres Mal auf eine Höhe. Ralf Rangnick muss springen und sich dann daran messen lassen.

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