Sport : „Talente in die Zweite Liga“

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Uli Stielike, Sie spielen am Sonntag mit der deutschen U 19 im EM-Finale gegen Spanien. Alle reden immer vom schlechten deutschen Fußball-Nachwuchs. Hat Sie der Erfolg überrascht?

Dass wir ins Finale gekommen sind, hat mich am wenigsten überrascht.

Dann muss man der WM 2006 in Deutschland ja voller Optimismus entgegensehen, nachdem bei der WM der Profis in Japan und Südkorea schon Platz zwei herausgesprungen ist.

Gemach. Der jetzige Junioren-Jahrgang ist zwar sehr verheißungsvoll, aber für Vorschusslorbeeren besteht kein Grund. Und für 2006 besagt das noch gar nichts. Besonders dann nicht, wenn der Jahrgang nach dieser EM aus dem Juniorenalter entlassen wird und danach bei den Vereinen versauert.

Nach der Kirch-Krise und schlechteren finanziellen Bedingungen bei den Vereinen wird der Nachwuchs doch sicher eher eine Chance haben, bei den Profiklubs zum Zuge zu kommen.

Da habe ich erhebliche Zweifel. Ich habe gerade eine Umfrage unter den 18 Klubs der Bundesliga gelesen, in denen sie sich zu den Auswirkungen der geringer fließenden Fernsehgelder geäußert haben. Danach wollen die meisten Klubs auch im Nachwuchsbereich Einsparungen vornehmen. Wenn das der Fall ist, wäre das für unsere jungen Spieler das Aus.

Einige von ihnen sitzen doch aber bei den Profis schon auf der Reservebank.

Ja, wenn von den Stammspielern fünf verletzt und sieben gesperrt sind. Außerdem muss man bedenken, dass der Druck auf die Trainer heute viel stärker ist als zu meiner aktiven Zeit. Da lässt der Coach lieber einen 29-Jährigen als einen 19-Jährigen auflaufen, weil er sich von dem mehr Wirkung verspricht.

Wie sollen denn dann die jetzigen Talente zum Zuge kommen?

Ich plädiere dafür, dass jeder Erstligaklub seine Talente für ein Jahr an Zweitliga-Vereine ausleiht. Dann bekommen die dort wenigstens die Chance zum Spielen und auch gewisse Erfahrung. Die könnten sie dann nutzen, um den Sprung in die Erste Bundesliga zu schaffen.

Wem würden Sie denn aus dem jetzigen Kreis am ehesten die Chance einräumen, den Sprung in die Erste Bundesliga zu schaffen?

Piotr Trochowski vom FC Bayern ist ein Riesentalent. Und Moritz Volz ist vom Charakter her am weitesten und nicht von ungefähr der Kapitän.

Volz spielt ja nun leider nicht in Deutschland, sondern bei Arsenal London.

Was heißt: leider? Ich sehe das eher als Vorteil an. Zum einen, weil ausländische Klubs bei Abstellung ihrer Spieler weitaus weniger Probleme machen als die hiesigen Klubs. Zum anderen hat sich Volz frühzeitig vom Elternhaus abgenabelt und ist damit schneller zu einer Persönlichkeit herangereift.

Wie sieht es mit den beiden Herthanern Sofian Chahed und Malik Fathi aus?

Die haben beide großes Talent. Doch vermutlich werden sie in der nächsten Saison bei Hertha in der Oberliga spielen. Da dürfte es schwer werden, den Sprung nach oben zu schaffen.

Wie ist Ihr Tipp für das Endspiel am Sonntag gegen Spanien?

Wir sind nur Außenseiter, weil uns die Spanier hinsichtlich der Balltechnik einiges voraus haben. Außerdem hatten sie einen Ruhetag mehr. Das macht sich bei vier Spielen in sieben Tagen bemerkbar.

Sie waren mal als Teamchef im Gespräch. Haben Sie da noch Ambitionen?

Nicht im geringsten. Ich war 15 Jahre Profi und kann jetzt ganz gut im Schatten der Profis leben. Deshalb habe ich meinen Vertrag gerade bis 2006 verlängert.

Das Gespräch führte Klaus Rocca.

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