Sport : Team ohne Touristen

Die deutschen Leichtathleten überzeugen in Göteborg auch in Bereichen, in denen sie bislang ziemlich unauffällig waren

Friedhard Teuffel

Göteborg - Jürgen Mallow hätte sich einen Euro sparen können. Der Leitende Bundestrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) hatte sich ein Büchlein gekauft und mitgenommen zu den Europameisterschaften nach Göteborg. „Trost bei Liebeskummer“, lautet der Titel, und ein Kapitel handelt von „Trost bei Frustration“. Sofern er es nicht privat braucht, hätte sich Mallow besser mit anderer Lektüre beschäftigt. Vom ersten Tag der Veranstaltung an bestand eigentlich kein Anlass zum Nachlesen. Der DLV schnitt sehr gut ab.

Es war nicht nur der zweite Platz im Medaillenspiegel hinter Russland, der den deutschen Verband zufrieden stimmte, sondern auch die Disziplinen, in denen die zehn Medaillen gewonnen wurden. Bei der Weltmeisterschaft 2005 in Helsinki hatten die deutschen Athleten noch alle fünf Medaillen in den Wurfwettbewerben geholt. Diesmal zeigten sie, dass sie auch schnell rennen können, wie die beiden Silbermedaillengewinner im Hürdensprint Kirsten Bolm und Thomas Blaschek bewiesen. Und dass sie ausdauernd laufen können wie die Marathon-Europameisterin Ulrike Maisch und der Sieger über 10 000 Meter Jan Fitschen zeigten. Platz drei und vier im Siebenkampf von Lilli Schwarzkopf und Jennifer Oeser belegten die Vielseitigkeit in der deutschen Mannschaft. Und das Werfen und Stoßen haben die Deutschen auch nicht verlernt wie Kugelstoß-Europameister Ralf Bartels und Steffi Nerius als beste Speerwerferin bewiesen. Und bei den Springern überzeugte der Stabhochsprung-Routinier Tim Lobinger mit Silber. Der Einwand kam sofort, dass es eben nur um Europameisterschaften handele, also um Ergebnis, die im Weltmaßstab wenig aussagekräftig sind. „Aber deshalb dürfen wir uns doch trotzdem freuen“, entgegnete Mallow, und DLV-Vizepräsident Eike Emrich sagte zudem philosophisch: „Der Athlet hat ein Recht auf Gegenwart.“

Über die Zukunft haben sie beim DLV dennoch schon ein bisschen gesprochen, dazu sind ihnen die Olympischen Spiele in Peking zu wichtig und vor allem die Weltmeisterschaften 2009 im Berliner Olympiastadion. „Wir schaffen es gerade, den Neuaufbau und die Verjüngung der Mannschaft zu gestalten“, sagte Mallow. Vor den Europameisterschaften hatte er sich viel Kritik anhören müssen, weil der DLV einige junge Athleten mitgenommen hatte, die zuvor nicht konstant Leistung gebracht hatten. Am Ende der EM sah sich Mallow bestätigt. Mit den meisten Athleten war der Bundestrainer sehr zufrieden. „Es gab sicherlich auch Versager“, sagte Mallow, ohne Namen zu nennen, „aber keine Touristen.“

Mit Blick auf Peking werde sich der DLV weiter konzentrieren und nicht alle Disziplinen gleichermaßen fördern. Auf den Mittelstrecken, im Hochsprung, Weitsprung und Dreisprung bestehen große Defizite, die wohl eher an der eigenen Schwäche als an der Stärke der Konkurrenz liegen. Diese Disziplinen hat der DLV erst einmal abgeschrieben. Dennoch beansprucht der Bundestrainer bei der Leistungsbreite eine herausgehobene Stellung für die deutsche Mannschaft. „Wir sind die einzige Nation in Europa außer den Russen, die beim Laufen, Werfen und Springen, in diesem Fall mit dem Stab, in der Spitze vertreten sind.“

Er akzeptiere auch nicht das ständige Messen an Weltrekorden, gleich ob sie durch Doping zustande gekommen seien oder nicht. „Man sollte nicht immer nur das Ergebnis bewerten, allein der Wettkampf ist etwas Schönes.“ Die Leistungen machten ihn und das deutsche Team auf jeden Fall selbstbewusst, und der sonst so nüchterne Jürgen Mallow trat am Abschlusstag fast so wie ein Werbetexter auf: „Wir sorgen für Überraschungen. Wir sorgen für Sensationen. Wir sind zu fast allem fähig. Wir sind Leichtathletik.“

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