Sport : Tennis in Teilzeit

Der Sport ist für die Williams-Schwestern immer noch wichtig, aber längst nicht mehr alles

Benedikt Voigt[London]

Am Dienstag hat Venus Williams in Wimbledon ihr Lachen wiedergefunden. Nach dem Sieg über die Französin Mary Pierce riss sie jubelnd die Arme hoch und strahlte. Befreit, erleichtert, glücklich. „So habe ich sie eine ganze Weile nicht mehr gesehen“, sagt Richard Williams, der es als ihr Vater eigentlich wissen muss. Zu verbissen sei seine Tochter zuletzt auf dem Platz gewesen, findet er. „Je mehr Venus lacht, desto besser spielt sie.“

Venus Williams spielt also wieder besser Tennis. Wie gut, wird sich heute zeigen, wenn die 25-Jährige im Halbfinale in Wimbledon gegen die 18 Jahre alte Titelverteidigerin Maria Scharapowa antritt. Gegen die Russin bekommt Venus Williams auch die Gelegenheit, sich für die letztjährige Finalniederlage ihrer Schwester auf dem Centre-Court zu revanchieren. „Serena hat an diesem Tag einfach nicht so gut gespielt“, sagt Venus Williams, die 2000 und 2001 in Wimbledon gewonnen hat. Im aktuellen Turnier hat Scharapowa allerdings einen souveränen Eindruck hinterlassen und musste noch keinen Satz abgeben. Heute trifft nicht nur die Nummer zwei der Weltrangliste auf die Nummer 16, es prallen auch zwei unterschiedliche Konzepte aufeinander: Vollzeittennis gegen Teilzeittennis.

In der Familie Williams ist Sport längst nicht mehr der alleinige Lebensinhalt. Das macht vor allem der Vater deutlich, der wie ein Sonderling wirkt, wenn er in kurzer Hose, Badeschlappen und einem grünen Barett auf dem Kopf gebückt über die Tennisanlage schleicht. „Gefällt dir meine Mütze?“, scherzt er mit den Aufpassern, „das ist gut.“ Richard Williams hat seine beiden Tennis spielenden Töchter stets dazu erzogen, mehrere Interessen zu haben. „Zu viele Menschen lieben Tennis – und arbeiten am Ende an einem Hamburger-Stand“, sagt der eigenwillige Familienvater, der getrennt von seiner Frau Oracene lebt. „Meine Mädchen haben so viele Projekte, an denen sie arbeiten, sie sind sehr gut im Geschäft.“

Tatsächlich gibt es immer mehr im Leben der Williams-Schwestern, das nichts mit Tennis zu tun hat. Beide studieren Mode, Serena interessiert sich nun eher für Schauspielerei. Venus entwirft eine Lederkollektion für Frauen, studiert Innendesign, leitet eine Firma, die Landhäuser einrichtet, interessiert sich für Kunst, Musik, Poesie – und so weiter und so weiter. Etwas dürfen die Williams-Schwestern aber nicht vergessen: Grundlage ihrer jüngsten Erfolge im Geschäftsleben ist – Tennis.

Das scheint Venus eher verinnerlicht zu haben. Als sie vor einigen Tagen nach dem überraschenden Aus ihrer Schwester in Runde drei sagte, dass Serena keine Lust mehr auf Tennis habe, musste sie diesen Satz sofort mehrfach richtig stellen. „Serena hat in diesem Jahr in Wimbledon keine Lust mehr auf Tennis“, verbesserte sie sich. Die Reporter hatten ihrer Schwester offenbar zugetraut, ihre Karriere mit 23 Jahren zu beenden.

Welchen Platz Tennis in ihrem Leben noch einnehme, ist Venus Williams gefragt worden. Die goldenen Ohrringe klimperten, als sie sagte: „Ähm, es steht so ziemlich ganz oben.“ Es ist also immer noch das Wichtigste? „So ziemlich ganz oben“, wiederholte sie. Später erzählte Venus Williams, dass sie gerne länger schlafe, besonders dann, wenn sie in der Nacht zuvor die Sendung „Golden Girls“ im Fernsehen gesehen habe. Zum Training gehe sie aber, meistens jedenfalls.

Es wird immer schwieriger für die Williams-Schwestern, die Leidenschaft für ein Spiel aufrechtzuerhalten. Nur die Australian Open und die French Open hat Venus Williams noch nicht gewonnen, die Nummer eins der Welt war sie vor drei Jahren. Man darf gespannt sein, ob Maria Scharapowa in fünf Jahren den gleichen Ehrgeiz besitzt wie gegenwärtig. Am besten kann Martina Navratilova das Dilemma erklären, die mit 48 Jahren immer noch nicht genug von ihrem Sport hat. Sie habe sich immer dem Spiel hingegeben, hat sie einmal gesagt, während viele andere Spielerinnen nur beteiligt sind. Navratilova konnte das anschaulich erklären: Es sei wie bei einem Frühstück mit Schinken und Spiegeleiern, sagt sie. „Das Huhn ist beteiligt, das Schwein gibt sich hin.“ Es ist an der Zeit für die Williams-Schwestern, sich zu entscheiden, was sie sein wollen: Huhn oder Schwein?

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