Sport : Tennis: Lektion aus der Zukunft

Jörg Allmeroth

Er ist 18 Jahre alt und die größte Hoffnung im amerikanischen Herrentennis. Doch dieser Tage sind die Ziele von Andy Roddick noch überschaubar: "Bis Mitte April will ich auf Platz 104 der Weltrangliste kommen, dann kriege ich automatisch einen Platz im Hauptfeld der French Open." Solch maßvollen Ansprüchen sollte der Bursche mit dem "Kanonen-Aufschlag" ("Florida Sun-Sentinel") gerecht werden, gerade nach dem ersten Sonntag beim Masters-Series-Wettbewerb in Key Biscayne: Dort siegte Roddick 7:6, 6:3 gegen sein Vorbild Pete Sampras.

"Er ist die Zukunft unseres Tennis", befand der geschlagene Sampras knapp, warnte aber auch vor allzu großen Erwartungen: "Ganz oben kann er noch nicht auf Dauer mithalten." Aber für einen einmaligen Überraschungscoup reicht es schon. "Es ist ein Traum, dass ich hier meinen ersten wichtigen Sieg bei den Profis feiere", meinte der Mann aus Boca Raton in Florida. Keinem ähnlich jungen Spieler war es in den letzten Jahren gelungen, Sampras zu bezwingen.

Roddick hat wie seine Mitstreiter aus der "Generation Next" das Pech, sich im Land der jahrelang unbegrenzten Erfolge nicht in Ruhe auf die größeren Herausforderungen vorbereiten zu können. Geplagt von einer schleichenden Nachwuchskrise, blättern Fans und Medien schon jetzt immer wieder in den Statistiken und vergleichen, wie weit aktuelle Superstars vom Schlage eines Sampras und Agassi in Roddicks Alter waren. Die Nachforschung ist in den Zeiten einer viel größeren Leistungsdichte im Welttennis weder besonders sinnstiftend noch fair: Sampras gewann Anfang der 90er Jahre mit 19 seine ersten US Open, Agassi rückte vor dem 20. Lebensjahr an die Schwelle zu den Top Ten.

"Der Druck", klagt Roddick, "ist riesengroß." Auch weitere Talente, etwa Taylor Dent oder Mardy Fish, sehen sich einer "gigantischen Erwartungshaltung" (Roddick) ausgesetzt. "Manchmal kommt es mir vor, als laste die ganze Zukunft des Tennis auf unseren Schultern", sagt Dent. In der zugespitzten Wahrnehmung des Teenagers, der am Samstag Agassi 2:6, 4:6 unterlag, liegt auch ein Fünkchen Wahrheit: Denn ohne starken amerikanischen Nachwuchs, ohne neue Leitfiguren aus dem größten Tennismarkt der Welt, könnte die angeschlagene ATP Tour noch tiefer auf Grund stürzen.

Schon jetzt, zu Zeiten der Ausnahmekönner Sampras und Agassi, verliert Tennis zwischen San Francisco und New York immer mehr an Boden, bei Sponsoren, bei Fernsehanstalten, aber vor allem bei den potenziellen Stars des nächsten Jahrzehnts, den Jugendlichen. Erst viel zu spät hat der amerikanische Verband USTA reagiert. Ein Tiger Woods ist im Tennis nicht in Sicht. Roddick hin, Dent her.

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