Sport : Teures Vergnügen

Die Medaillenflut der deutschen Biathleten bei der WM bezahlt der Verband mit einem Millionendefizit

Helen Ruwald[Hochfilzen]

40 Schützen gaben im Biathlon-Stadion von Hochfilzen Salutschüsse ab, als Geburtstagsgeschenk zum 100-jährigen Bestehen des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV). Der erste Teil der Eröffnungsfeier der Biathlon-WM stand im Zeichen dieses Jubiläums, Österreich feierte sich und seine Helden der vergangenen Jahrzehnte, die in einem Filmrückblick eingespielt wurden. Da raste dann der frühere Abfahrts-Star Hermann Maier über die Ski-Piste und feierte seine Goldmedaille, aus dem Lautsprecher klang „Emotions made in Austria“. Es war wohl gut, dass Österreich sich schon im Vorfeld selbst rühmte – während der WM gab es dazu bis zum Gewinn von Bronze gestern für die Männerstaffel keinen Grund mehr.

Österreich litt, Deutschland feierte bis gestern acht Medaillen – da konnten sich die Gastgeber wenigstens mit den beiden Stars der WM trösten. Die zweimaligen Einzelweltmeister Uschi Disl und Ole Einar Björndalen leben in Tirol, die Deutsche in Tux, der Norweger in Obertilliach. Bei der WM wurden sie auch für ihre Treue zu Tirol geehrt und erhielten als Dank einen Gutschein für einen Urlaub im Pillersee Tal, zu dem auch Hochfilzen gehört. Björndalens Wohnort Obertilliach hat 800 Einwohner, Hochfilzen rund 1100 – der Norweger müsste sich also in Bezug auf die nicht vorhandene Größe seines Urlaubsorts kaum umstellen.

Hochfilzen ist winzig, deshalb waren „die Organisatoren total überfordert“, sagte Männer-Bundestrainer Frank Ullrich. Techniker und Athleten durften teilweise Absperrungen nicht oder nur verspätet passieren. Als Andrea Henkel nach dem Gewinn des WM-Titels zur Siegesfeier gebracht wurde, durfte ihr Wagen nicht in der Nähe des Podestes parken. „Die Weltmeisterin ist ja sicher sportlich genug, um zu laufen“, hieß es lapidar. Als Michael Greis und Sven Fischer vor dem Verfolgungsrennen zur Blutdopingkontrolle abgeholt wurden, sollten sie entgegen üblichen Gepflogenheiten mit einem Bus noch von Ort zu Ort fahren, wo weitere Athleten eingesammelt werden sollten. Durch den Zeitverlust wäre die Wettkampfvorbereitung empfindlich gestört worden, wenn der Deutsche Ski-Verband (DSV) nicht erfolgreich interveniert hätte.

Im Gegensatz zu Bundestrainer Ullrich betrachtet Thomas Pfüller, Generalsekretär des DSV, die Probleme „als Kleinigkeiten. Für das Biathlon war die WM ein großer Erfolg.“ Das sah auch Anders Besseberg, der Präsident des Weltverbands IBU, so: „Wir sind sehr zufrieden, das OK hat das Schneeproblem ohne Programmverzögerungen gelöst.“ Immer wieder sind über Nacht bis zu 70 Zentimeter Neuschnee gefallen, die neu angelegte, anspruchsvolle Strecke musste ständig neu präpariert werden. 66 000 Fans feuerten die Athleten bis gestern an. ARD und ZDF hatten hervorragende Einschaltquoten von bis zu 30 Prozent, dennoch macht der DSV ein Defizit. Drei Millionen Euro steckt der Verband jährlich ins Biathlon. „Das Defizit beträgt 1,5 Millionen Euro“, es wird durch Umschichtungen im DSV ausgeglichen.

RTL zahlt für die Übertragung des Skispringens jährlich rund 15 Millionen Euro an den DSV. Der Biathlon-Weltverband hingegen bekommt für einen Vierjahresvertrag bis 2006 vom bisherigen Rechteinhaber EBU (European Broadcasting Union) nur 7,5 Millionen Euro. Das soll sich angesichts der Popularität der Sportart ändern. Derzeit verhandelt der Weltverband mit dem Rechteinhaber EBU, zu dem ARD und ZDF gehören, über einen neuen Vierjahresvertrag. „Das neue Angebot wird wesentlich besser sein“, sagte Besseberg. Sollte es nicht gut genug sein, stünde auch RTL mit einem lukrativen Angebot bereit.

Lukrativ für die Athleten ist die neue Mixed-Staffel. Beim Weltcup in der kommenden Woche in Khanty-Mansyisk in Sibirien wird sie sogar als WM-Rennen ausgetragen, weil im Programm von Hochfilzen kein Platz mehr war. Die Staffel-Weltmeister bekommen eine Prämie von 12 000 Euro, die Mixed-Sieger 30000 Euro. Die Vorgabe kommt von dem Mixed-Staffel-Wettbewerb in der Arena Auf Schalke, wo die Athleten mit hohen Preisgeldern gelockt werden. „Dem Druck der Privatwirtschaft müssen wir uns beugen“, sagt IBU-Generalsekretär Michael Geistlinger. Es dürfte angesichts des Booms nicht das letzte Mal sein.

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