Sport : The Saints go marchin’ in

Das Footballteam von New Orleans kehrt zurück in die Heimatstadt, in der Hurrikan Katrina wütete

Christoph von Marschall[Washington]

Eigentlich müsste die ganze Stadt heute „Oh when the Saints go marchin’ in“ intonieren: den Gospel der Hoffnung der Schwarzen, beim Jüngsten Gericht ins Paradies zu kommen. New Orleans fühlt sich heute im Footballhimmel. Die Saints kehren in ihr Heimatstadion zurück. Dieser Tag markiert die endgültige Wiederauferstehung nach Hurrikan Katrina – so wie der erste Mardi Gras nach dem Jüngsten Gericht der Naturgewalten, der traditionelle Karneval Ende Februar, für viele der Beginn der Rückkehr zur Normalität war. Den Gospel wird dennoch kaum einer anstimmen. Die Kirche und den Football wie auch manche andere Laster haben sie hier unten im genussfreudigen Süden meist getrennt gehalten. Was wiederum nicht heißt, dass sie nicht beten vor dem ersten wahren Heimspiel nach fast zwei Jahren.

Ist es nicht ein gutes Omen, dass es abermals gegen die Atlanta Falcons geht? Die waren auch der Gegner beim letzten Heimspiel im Superdome, der während des Wirbelsturms und der langen Überflutung der Stadt zum Notquartier für Zehntausende wurde. Damals, am 26. Dezember 2004, haben sie gewonnen, 26 zu 13. Und nun, zu Beginn der jungen Saison 2006, können die Saints schon zwei Siege verbuchen. Wenn sie die Falcons abermals bezwingen, dann wären sie mit 3-0 alleiniger Tabellenführer. So beschwört es die Website des Footballteams seit Tagen. Das wäre die große Sensation. Der Name des Teams „Die Heiligen“ mag überirdische Erwartungen suggerieren. Die schlichte irdische Wahrheit ist: Der weltliche Genuss gehörte seither mehr zu New Orleans als der sportliche oder wirtschaftliche Erfolg. Die Saints waren in den jüngsten Jahren eher Mittelmaß. Wie die Stadt.

Dafür verstehen sie hier unten im Delta des Mississippi – des längsten Stroms der USA, der Handelsader der Supermacht – etwas von Buße und Umkehr. Das von Hurrikan Katrina erzwungene Exil war eine Art reinigendes Fegefeuer. Der Eigentümer der Saints, Tom Benson – ja, so ist das in den USA: Sportteams „gehören“ Investoren –, hatte schon vor dem Wirbelsturm gedroht, in eine andere Stadt umzuziehen. Plötzlich wurde ihm der Wechsel aufgezwungen. Die Mannschaft trainierte in San Antonio, Texas. Viele glaubten, sie würde ganz dort bleiben. Wer sich im Herbst 2005 in New Orleans umsah, fand Zeichen von Galgenhumor: Vor den Häusern stapelte sich nach der Überflutung unbrauchbarer Hausrat. Viele Kühlschränke trugen Aufschriften wie „Inhalt: The Saints“. Deren „Heimspiele“ wanderten in der Saison 2005 zwischen San Antonio in Texas und Louisianas Hauptstadt Baton Rouge. Währenddessen wurde New Orleans’ Superdome für Millionen Dollar modernisiert. Erstmals in der Geschichte der Saints ist die Arena für die ganze Saison ausverkauft. Die Fans wollen Bush sehen: Reggie Bush, den Star neben Drew Brees. Der andere Bush, George W., ist auch da, obwohl sie nicht gut auf ihn zu sprechen sind wegen der späten Hurrikanhilfe. Der Präsident wirft die Münze zur Seitenwahl. Dann ist endlich wieder Football der König.

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