Sport : Tief im Tal

Die deutschen Skispringer suchen bei der Vierschanzentournee ihre Form – den Trainer irritiert das nicht

Benedikt Voigt

Oberstdorf. Wolfgang Steiert ist abwehrbereit. Mit einer Baseballmütze, die er tief ins Gesicht gezogen hat, schützt sich der neue Skisprung-Bundestrainer vor dem Licht, das ihn bei einer Pressekonferenz auf dem Podium im Oberstdorfer Kino gnadenlos anstrahlt. Mit verschränkten Armen signalisiert er, dass ihn einige Fragen nicht gerade erfreuen. Und mit seinen Worten zeigt Steiert, dass es sich durch einen eigenen Angriff immer noch am besten verteidigen lässt. Nein, antwortet er entschieden, es stimme nicht, dass er als Chef noch keinen einzigen Sieg zu verzeichnen habe. „In der Saison 1998/99, als ich Reinhard Heß wegen einer Krankheit vertreten habe, habe ich mit Martin Schmitt einen Doppelsieg eingefahren“, sagt Wolfgang Steiert. „Das wird in der Öffentlichkeit gerne vergessen.“

Nun ist es aber so: Sieht man mal von der Krankheitsvertretung 1998/99 ab und nimmt die Zeit, in der er tatsächlich alleine für die deutschen Skispringer verantwortlich ist, lässt sich die Bilanz nicht mehr schönen. Wolfgang Steiert hat als Bundestrainer noch kein Weltcupspringen gewonnen. Umso größer ist der Erfolgsdruck, der beim ersten Springen der Vierschanzentournee (heute, 13.45 Uhr, live in RTL) in Oberstdorf auf dem selbstbewussten 40-Jährigen lastet. Steiert selbst hat auch hohe Ansprüche. Er sagt: „Ein Erfolg bei der Vierschanzentournee wäre, wenn vier oder fünf Mann von uns unter die ersten 15 kämen – und ein Mann aufs Podium.“

Der eine auf dem Podium soll Sven Hannawald sein, der vor zwei Jahren die Tournee gewann, im Vorjahr auf Rang zwei landete und auch in dieser Saison neben Adam Malysz, Janne Ahonen und Matti Hautamäki zu den Favoriten auf den Gesamtsieg zählt. „Ich hoffe, dass ich die Sprünge so abrufen kann, wie ich sie im Hinterkopf gespeichert habe“, sagt Hannawald. Mit einem Aufsehen erregenden Erfolg könnte er seinem langjährigen Trainer aus der Bredouille helfen.

Dieser steht nicht nur aus sportlichen Gründen unter Druck. In der aktuellen Ausgabe greift der „Spiegel“ den deutschen Bundestrainer erneut hart an. Das Nachrichtenmagazin schildert ihn als kraftmeierischen Alleinherrscher, der seinem Verband eine Magersucht-Debatte eingebrockt hat, indem er die Springer Michael Möllinger und Frank Löffler aus dem Kader warf. Sie hatten sich seiner Aufforderung verweigert, einige Kilogramm abzunehmen. Steiert verweist darauf, dass die Suspendierung auch disziplinarische Gründe hatte. Inzwischen kratzt auch der Deutsche Skiverband (DSV) an seiner Autorität. Der Verband kündigte eine Untersuchung des Falles Löffler im Frühjahr nächsten Jahres an und verbot seinem Cheftrainer, sich weiter über seinen ehemaligen Springer zu äußern. „Das finde ich richtig so, dann habe ich endlich meine Ruhe“, sagt Steiert in Oberstdorf.

Wolfgang Steiert neigt tatsächlich zu Großspurigkeit und Selbstherrlichkeit. „Es sind Dinge möglich, von denen wir im Moment noch gar nicht träumen können“, sagte er bei der Auftakt-Pressekonferenz zur Vierschanzentournee über sein Team. „Adam Malysz hat sich im Training in Titisee-Neustadt schließlich an uns orientieren müssen“, berichtet er weiter. Doch abgesehen vom Weltcupspringen in Trondheim, als Maximilian Mechler, Sven Hannawald und Michael Uhrmann auf den Plätzen drei, vier und fünf landeten, konnte das deutsche Team diese sich vage andeutende Form noch nicht in einem Wettkampf zeigen.

Steiert glaubt unbeirrt, dass das schlechte Wetter in diesem Winter an vielem schuld ist. Sogar die Diskussionen über Sicherheit und Magersucht im Skispringen hätten bei besseren Bedingungen vermieden werden können. „Diese Geschichten wären doch niemals angesprochen worden, wenn jeder Wettbewerb ganz normal stattgefunden hätte“, glaubt der Bundestrainer. Er hofft nun auf reguläre Bedingungen bei der Vierschanzentournee – auch, um wieder in erster Linie über das sportliche Geschehen reden zu können.

Neben Sven Hannawald wird vor allem Michael Uhrmann und Maximilian Mechler zugetraut, bei dieser Tournee in die vorderen Ränge zu springen. „Maximilian ist eines der größten Talente, das wir haben“, sagt Steiert. „Mit Peter Rohwein haben wir ihm in Isny einen Heimtrainer zur Verfügung gestellt. Das war wie ein Sechser im Lotto.“ Der 19-Jährige zeigt seit dem Sommer konstant gute Leistungen. „Er hat Selbstvertrauen bekommen“, sagt Steiert.

Genau das fehlt Martin Schmitt allerdings noch nach seinem 31. Platz von Engelberg. „Ich fühle mich gut“, sagt der dreimalige Gewinner von Oberstdorf. „Ich denke, dass ich wieder bessere Zeiten erleben werde.“

Darauf setzt auch Steiert. Zum ersten Mal wird er eine Vierschanzentournee als hauptverantwortlicher Trainer erleben. Einiges ist bereits passiert, seit er im April des vorigen Jahres die Mannschaft übernommen hat. „Jeden Tag kommt eine neue Überraschung“ hat Steiert festgestellt. Für den heutigen Tag hofft er, dass es endlich eine positive sein möge.

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