Sport : Tiefer Raum

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Von Helmut Böttiger

1:0, 1:0, 1:0. Rumpel Humpel Schlurf. Diese Weltmeisterschaft enttäuscht. Es fehlt die Aura, es fehlt das Mitreißende. Dass Mannschaften wie Frankreich, Portugal und Argentinien früh ausgeschieden sind, ist ein Debakel und zeigt, dass etwas grundsätzlich nicht stimmt. Jene Mannschaften sind vom Potenzial her natürlich nach wie vor Halbfinal-Teams wie Südkorea, Deutschland oder der Türkei überlegen. Der zweifellos beste Spieler der Welt, Zinedine Zidane, spielt keine Rolle: so etwas hat es bei einer Weltmeisterschaft noch nie gegeben. Das Niveau reicht nie an Champions-League-Spiele heran.

„Die Deutschen spielen weder gut noch schlecht, eigentlich spielen sie überhaupt nicht Fußball. Aber sie gewinnen.“ Was die spanische Zeitung „El Pais“, in diesen Tagen konstatieren musste, benennt das Wesentliche. Und auch, was die Mannschaft Südkoreas praktizierte, hat mit Fußball nicht allzuviel zu tun. Diese Weltmeisterschaft zeigt deutlich, dass für die wichtigsten Spieler der Saisonhöhepunkt längst überschritten ist. Sie sind ausgebrannt, müde, verletzt. Zidane musste die ersten beiden Spiele aussetzen. Luis Figo wurde von US-Boys und südkoreanischen Kampfmaschinen überlaufen und war körperlich nicht in der Lage, seine überlegenen technischen Fähigkeiten auszuspielen. Raul fehlte verletzungsbedingt den Spaniern bei der entscheidenden Begegnung gegen Südkorea. Die Engländer waren in der zweiten Halbzeit gegen die Brasilianer völlig leergepumpt und schafften es nicht einmal im Ansatz, die britische Spielweise, das körperbetonte Powerplay, aufzuziehen - ganz im Gegensatz zu den Iren, die auf dem Papier deutlich schlechter besetzt sind und deren Spieler in der Premier League eher die zweite Geige spielen.

Die herausragenden Spieler der Welt sind in europäischen Spitzenmannschaften verpflichtet, wo sie das immer umfachreichere Saisonprogramm bis zum Ende absolvieren, mit regelmäßig zwei Spielen in der Woche in bis zu drei verschiedenen Wettbewerben. Wo Höhepunkt auf Höhepunkt folgt, jedes Spiel eine Art Endspiel ist, ist es unmöglich, sich nach der Saison nicht nur physisch, sondern vor allem auch psychisch noch einmal in gleicher Weise auf die Weltmeisterschaft auszurichten.

Für Mannschaften wie Senegal, Irland, Südkorea, die USA oder auch die Türkei ist die Weltmeisterschaft dagegen tatsächlich der Höhepunkt schlechthin. Zwei Jahre lang wurden die südkoreanischen Spieler systematisch an diesen Moment herangeführt. Ähnlich ist es bei den USA oder bei den Senegalesen: diese hatten endlich die Gelegenheit, aus dem Schatten der französischen Liga herauszutreten, Auxerre und Lens und Lorient hinter sich zu lassen, während die besten Franzosen sich in der englischen oder spanischen Liga bereits zerschlissen hatten.

Was vor vier Jahren noch Avantgarde war - die überlegene Technik und Taktik der Franzosen und Holländer und - ist mittlerweile auf breiter Front durchgesetzt. Das ballorientierte Spiel, die Flexibilität der Zuordnungen, mit schnellem Kurzpass-Spiel die Enge des Raumes ausnutzen - das hat Schule gemacht. Auch die Deutschen haben aufgeholt. Die Modernisierungsversuche Rudi Völlers trugen Früchte, und man kann jetzt recht ansehnlich zwischen Dreierkette und Viererkette wechseln. Und ein niederländischer Trainer hat auch die Südkoreaner in bestimmt mühevoller Kleinarbeit auf die Höhe avancierter Taktik gebracht.

Deswegen kommt es umso mehr darauf an, dass einzelne Spieler zu überraschenden Volten in der Lage sind. Dass das Unvorhersehbare die eingeübten taktischen Winkelzüge außer Kraft setzt. Spieler wie Zidane, Figo oder Raul sind deswegen so charismatisch, weil sie dazu in der Lage sein können - wenn sie auf der Höhe ihres Leistungsvermögens sind. Gegen athletisch und taktisch durchgetrimmte Mannschaften, auch wenn sie spielerisch nur durchschnittliche Fähigkeiten haben, käme es auf diesen kleinen Überschuss an, auf das ästhetische Surplus. Und das sieht man in diesen Tagen leider nur bei den Brasilianern. Ein, zwei Einlagen von Rivaldo, Ronaldo oder Ronaldinho, und der natürliche Abstand zum fleißigen Fußvolk ist wieder hergestellt.

Der Raum ist nicht nur eng, sondern auch tief. Deswegen greifen die Systemtheoretiker, die Pragmatiker, die angesichts dieser vieles nivellierenden WM wieder lauter werden, viel zu kurz. Es ist eine bequem gewordene Pose, alle Einwände gegen spielerische Mängel als „Kulturpessimismus“ zu bezeichnen - ein Modegeschwätz aus dem Feuilleton. Nur, wenn man begreift, dass es im Fußball wie in der Kunst auf die Ausnahme ankommt und nicht auf die Regel, wird man dem Geschehen gerecht.

Der Autor schrieb das Buch „Kein Mann, kein Schuß, kein Tor. Das Drama des deutschen Fußballs." ISBN 3406374115

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