Timo Glock : "Dann arbeite ich wieder als Gerüstbauer"

Toyota-Pilot Timo Glock spricht im Interview über Krise und Jobangst, die Budgetobergrenze und die Zukunft der Formel 1.

Christian Hönicke
Formel 1 - GP Spanien - Timo Glock
Bald nur noch in Zivil? Toyota-Pilot Timo Glock (27) muss um seinen Job fürchten.Foto: dpa

Herr Glock, die Formel 1 steckt in der Krise. Die großen Automobilhersteller sind angeschlagen; nicht nur Ihr Arbeitgeber Toyota wird immer wieder mit einem Ausstieg in Verbindung gebracht. Haben Sie eigentlich genauso Angst um Ihren Job wie ein Fließbandarbeiter im Werk?

Wenn die Entwicklung so extrem ist wie in den letzten drei, vier Monaten, da denkst du schon drüber nach. Aber die Frage ist ja, gibst du dich dem Negativstrudel hin oder sagst du dir: „Komm, wir finden einen Weg“? Und es ist nicht meine Art, zu leiden und zu sagen: Das ist ja alles so schlecht. Wir müssen versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.

Aber das Schlimme an der Angst um den Job ist doch, dass man selbst meist keinen Einfluss auf die Situation hat. Sie können noch so gut fahren – wenn Toyota aus finanziellen Gründen aussteigt oder sich die Formel 1 auflöst, haben Sie keine Stelle mehr.

Ich muss positiv rangehen. Wenn ich mich damit befasse, dass es mit der Formel 1 bald vorbei ist, dann bin ich nicht frei genug im Kopf, nicht wach genug für den Job, den ich am Rennwochenende zu machen habe. Und damit helfe ich meinem Team auch nicht weiter.

Auch wenn Sie versuchen, das zu verdrängen: Sie werden doch sicher immer wieder von außen auf Ihre Situation aufmerksam gemacht, oder?

Ja, das gibt es immer wieder. Wenn du etwas in den Nachrichten hörst, zum Beispiel Stellenabbau oder so. Das ist schwierig, und ich mache mir da natürlich schon meine Gedanken, wieso das so ist, aber das ist schwierig nachzuvollziehen. Ich denke, der Standard hat sich in den letzten Jahren extrem angehoben, in Deutschland und generell in der Welt. Es wird aber auch teilweise ein bisschen auf zu hohem Niveau gejammert. Klar ist es schwierig für jeden, aber ich glaube, es gibt Länder, denen es schlechter geht als uns.

Ärgert es Sie, dass Sie nicht vor zehn Jahren in der Formel 1 gefahren sind, als alles immer nur aufwärts ging?

Wenn Sie jetzt in Richtung Gehalt gehen wollen, dann ist mir das ziemlich egal. Aber natürlich war es für einen Fahrer in der Formel 1 vor fünf oder zehn Jahren auf den ersten Blick leichter, wenn man dann mal drin war. Aber auch da gab es Jobangst. Da standen die Fahrer nämlich viel stärker unter Druck, weil so viele nachgerückt sind.

An der Strecke werden neuerdings Bücher mit dem Titel „Die Formel 1 wird grün“ verteilt. Muss sich die Formel 1 ändern, um überleben zu können?

Die Bücher habe ich noch nicht gesehen, wo liegen die denn? Das Problem – auch bei den Regeländerungen – ist, dass du es nie allen recht machen kannst.

Anders gefragt: Braucht die Formel 1 dicke Reifen und monströse PS-Zahlen oder Hybridmotoren und Biodiesel?

Ich glaube, durch zu viel Öko geht die Marke ein bisschen verloren. Man muss aber auch den technischen Standard etwas mehr in Grenzen halten. Der Zuschauer will spannende Rennen sehen, Kämpfe ohne Ende und ein enges Feld. Den interessiert es nicht, ob die Autos eine Sekunde schneller oder langsamer fahren. Vielleicht sollte man das auch etwas offener gestalten, dass die Fans etwas mehr von der Formel 1 haben, als ein Auto in Kurve acht vorbeifahren zu sehen.

Halten Sie die Budgetobergrenze von 45 Millionen Euro, um die zurzeit gestritten wird, für sinnvoll?

Vielleicht muss man das vom Budget her auf dem normalen Weg halten. Aber wo da das Limit ist, ist für mich schwierig zu sagen. Ich habe mich mit den letzten Änderungen null befasst, auch nicht mit der Budgetobergrenze. Wenn ich mich damit auch noch beschäftigen würde, würde der Kopf nur noch rauchen.

Müssen Sie sich eigentlich vor Bekannten manchmal für Ihren Job rechtfertigen? Der polarisiert ja inzwischen fast schon wie einer in der Atomlobby.

(lacht) Nein, so extrem ist das nicht. Ich kriege ja auch Briefe, und die Leute sind eigentlich immer ganz freundlich und freuen sich für jemanden, mit dem sie ein bisschen mitfiebern können. Aber es gibt auch schon den einen oder anderen, der sagt: GP2-Rennen fand ich spannender. Obwohl es dieses Jahr in der Formel 1 schon interessanter geworden ist wegen der neuen Hackordnung.

Vielleicht fahren Sie in der nächsten Saison auch wieder in der GP2 Rennen – wenn überhaupt. Haben Sie wirklich keinen Plan B? Oder haben Sie schon genug verdient, um in Frührente gehen zu können?

Wenn es ganz extrem kommen würde und es im nächsten Jahr keine Formel 1 mehr geben würde, dann würde ich wieder in der Firma meines Vaters als Gerüstbauer anfangen. Ganz einfach. Ich habe damit kein Problem, was soll ich denn machen? Mich hinsetzen und Däumchen drehen? Davon wird’s auch nicht besser.

– Das Gespräch führte Christian Hönicke.

Timo Glock, 27,

fährt für Toyota in der Formel 1. Freitag läuft die Einschreibefrist für die Saison 2010 ab – Toyota soll sich Gerüchten zufolge längst zum Ausstieg entschlossen haben.

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