Tischtennis : Timo Boll mit rechts

Als Ersatz für Timo Boll glänzt Patrick Franziska beim EM-Sieg der Tischtennis-Mannschaft. Das neue Talent und die alte Legende haben auch einiges gemeinsam.

Paul Kurreck
Überraschungserfolg. Der junge Patrick Franziska überzeugt bei der EM und erinnert mit seinem Auftritt an den jungen Timo Boll.
Überraschungserfolg. Der junge Patrick Franziska überzeugt bei der EM und erinnert mit seinem Auftritt an den jungen Timo Boll.Foto: dpa

Der Überraschungseffekt kam nach dem Turnier, nicht davor. Mit vier souveränen Siegen aus vier Spielen war Tischtennisspieler Patrick Franziska maßgeblich am Gewinn der Europameisterschaft der Deutschen im Mannschaftswettbewerb beteiligt. „Von meiner Turnierleistung bin ich schon überrascht. Das ist das, wovon man träumt.“

Er war für Timo Boll, den Weltstar des deutschen Tischtennis, in den Kader für den Mannschaftswettbewerb in Schwechat bei Wien nachgerückt. Trotz dessen kurzfristiger Absage wegen einer fiebrigen Grippe war der Einsatz nicht so unverhofft, wie man es vielleicht erwarten könnte. „Rossi hat mir ohnehin einen möglichen Einsatz in Aussicht gestellt um mich zu testen“, sagt Franziska. Mit „Rossi“ meint er den deutschen Bundestrainer Jörg Roßkopf. „Natürlich war ich nervös, aber nachdem ich meine ersten beiden Spiele deutlich gewonnen hatte, habe ich mich immer weiter gesteigert und die besten Leistungen im Halbfinale und Finale gezeigt.“

Zu den ersten Gratulanten am Montagabend gehörte Timo Boll – per SMS. Die beiden Nationalmannschaftskollegen haben ohnehin einiges gemeinsam: Beide stammen aus Hessen, sind eher schüchterne Typen und haben ihre Karriere beim TSV Höchst begonnen. Dort trainierte Franziska schon mit sechs Jahren und war „so klein, dass ich auf Matten stehen musste um über die Platte zu gucken“ . Einer seiner ersten Trainer war Wolfgang Boll, Timos Vater. Sowohl Timo Boll als auch Patrick Franziska spielen offensiv mit viel Topspin. Sowohl nah an der Platte als auch aus dem Halbfeld üben beide viel Druck auf den Gegner aus. Nur einen großen, offensichtlichen Unterschied gibt es: die Spielhand. Franziska ist im Gegensatz zum deutschen Tischtennis-Star Rechtshänder. Heutzutage trainieren die beiden wieder beim selben Trainer, Helmut Hampl. „ Wir verstehen uns super und trainieren oft zusammen. Timo gibt mir viele Tipps, er ist ein feiner Kerl“, erzählt der Bensheimer.

Dabei hätte sich Franziska fast für den Fußball entschieden. Bis 2004 spielte er für die JSG Otzberg. Doch Tischtennis habe ihm ein bisschen mehr Spaß gemacht, weil man „mehr mit dem Ball machen kann, ihn in alle Richtungen andrehen kann“. Die Entscheidung stellte sich schnell als richtig heraus, denn beim TSV Höchst fing er bald an, in der Oberliga der Männer mitzuspielen; und das schon im Alter von 13 Jahren. Über den TTC Elz kam er schließlich 2009 zur TG Hanau – und damit in die Bundesliga. Die besten Leistungen zeigte Franziska dort im Doppel mit Jörg Roßkopf, seinem heutigen Nationaltrainer. Seit dem Rückzug der TG aus der Bundesliga im Jahre 2012 spielt Franziska bei TTC Fulda-Maberzell und somit immer noch regelmäßig gegen Boll.

Einen großen Schritt in dessen Fußstapfen hat Franziska schon gemacht. Nach einigen Erfolgen bei Jugendturnieren wie dem Jugend-Europameistertitel 2010 oder dem Finalsieg bei der U-21- World-Tour im Dezember 2012 hatte er in Schwechat einen großen Anteil am EM-Titel der deutschen Nationalmannschaft. Von seinen souveränen vier Siegen war sicherlich der Finalpunkt zum 2:1 der wichtigste. Vor allem nach Patrick Baums überraschender Niederlage im zweiten Match zeigte Franziska keine Nerven und gewann gegen den Griechen Konstantin Papageorgiou mit 3:1. „Ich habe den Kopf klar gehabt und in den entscheidenden Phasen gute Sachen gemacht. Wenn das klappt, dann läuft es bei mir.“ Nach Dimitri Ovtcharovs entscheidendem Sieg zum 3:1 brach natürlich die pure Freude aus.

Trotz der unerwartet guten Leistung in der Mannschaft ändert sich aber nichts an seinen Erwartungen für die kommenden Einzel- und Doppelwettbewerbe. Vor allem vom neu zusammengestellten Doppel mit dem 19-jährigen Benedikt Duda erhoffe man sich „nichts Großes“, sondern wolle eher „die Großen ärgern und Spaß haben“. Auch im Einzel will Franziska „den Teamwettbewerb aus dem Kopf kriegen und ohne Hochmut reingehen“.

Vielleicht überrascht der 21-Jährige dann wieder nicht nur die Zuschauer, sondern vor allem auch sich selbst. Und lässt Timo Boll wieder eine SMS schreiben.

1 Kommentar

Neuester Kommentar