Sport : Tod und Spiele

Politiker und Sportfunktionäre fordern vom IOC, mit China über Menschenrechte zu reden

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Berlin - Wegen der Olympischen Spiele in Peking 2008 ist ein lettischer Olympiamedaillengewinner kürzlich in einen Hungerstreik getreten. Martins Rubenis, der in Turin in diesem Jahr Bronze im Rodeln gewann, schloss sich vor drei Wochen einer Protestveranstaltung vor der chinesischen Botschaft in Riga an. Es war ein befristeter Hungerstreik der religiösen Gruppe Falun Gong, die in China starken Repressionen unterliegt. Auch Rubenis praktizierte bei Falun Gong. „Die Kommunistische Partei Chinas tritt die Menschenrechte mit Füßen, dennoch wird sie die Olympischen Spiele ausrichten. Das finde ich als Athlet inakzeptabel“, sagt er.

Auch in Deutschland beschäftigen sich Sportfunktionäre mit den Menschenrechten in China. Manfred von Richthofen, der Präsident des Deutschen Sportbundes, sagt etwa: „Man sollte auf unerträgliche Missstände hinweisen, zum Beispiel auf die Verletzung der Religionsfreiheit, weil christliche Geistliche in Gefängnissen sitzen.“ Das sei die Aufgabe des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). „Ich habe es in der Deutlichkeit aber noch nicht gehört.“

Das IOC scheint sich seiner Verantwortung durchaus bewusst zu sein. „Das IOC hat keine satzungsmäßige Verpflichtung, aber eine moralische“, sagt das deutsche IOC-Mitglied Walther Tröger. Die Olympische Charta sieht ethische Prinzipien als festen Bestandteil des Olympismus vor – Ziel sei es, eine friedliche Gesellschaft zu fördern und die Wahrung der Menschenwürde. Diskriminierung aufgrund von Rasse, Religion, politischer Einstellung oder Geschlecht sei unvereinbar mit der Olympischen Bewegung.

Bislang haben Sportfunktionäre vor allem die Chancen betont, die Olympische Spiele in China mit sich bringen. Etwa 20 000 Medienvertreter werden erwartet. Dirk Pleiter, China-Experte von Amnesty International, sagt jedoch: „Es gibt keinen Automatismus, dass sich die Menschenrechte verbessern, nur weil so viele Journalisten im Land sind.“ Es bestehe sogar die Gefahr, dass es im Zusammenhang mit den Spielen zu weiteren Menschenrechtsverletzungen komme, etwa des Rechts auf Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit und sogar des Rechts auf Leben. „Dissidentenbewegungen und Gruppen wie Falun Gong werden sicher Olympia nutzen, um auf ihre Ziele aufmerksam zu machen“, sagt Pleiter. Möglicherweise werde das Regime in China Maßnahmen dagegen ergreifen. „Das kann bis zu Hausarrest und Inhaftierungen gehen“, erklärt Pleiter. Amnesty International habe außerdem beobachtet, dass vor Großveranstaltungen vermehrt Todesurteile vollstreckt würden. „Die chinesische Führung glaubt, dass dies abschreckend gegen Kriminalität sei.“ Erst vor kurzem veröffentlichte Amnesty die Zahl von 1770 Hinrichtungen im vergangenen Jahr – mehr als in jedem anderen Land der Welt. Ein Experte in China sprach sogar von bis zu 8000 Hinrichtungen. Zu den Tatbeständen, auf die in China die Todesstrafe steht, gehören nach Informationen von Amnesty auch Steuervergehen und Drogendelikte.

Doch wie soll sich das IOC nun verhalten? Der CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus Riegert sagt: „Ich glaube nicht, dass es hilfreich ist, die Menschenrechte öffentlich zu diskutieren. Das macht die Lage nur noch schwieriger.“ Riegert ist Mitglied des Sportausschusses des Bundestags. Auch IOC-Mitglied Tröger sagt: „Mit den Menschenrechten ist es wie mit der inneren Sicherheit: Je mehr ich darüber rede, desto weniger habe ich davon.“ Dem widerspricht jedoch China-Experte Pleiter: „Es ist wichtig, auch in der Öffentlichkeit über Menschenrechte zu reden. So kann man politischen Druck erzeugen, und für politischen Druck ist das Regime in Peking empfindsam.“

Es gibt bereits viele Vorschläge, wie Sportfunktionäre die Menschenrechte ansprechen könnten. Winfried Hermann, sportpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis90/Die Grünen, sagt: „Der Sport kann die Aussprache pflegen über seine eigene Sprache und fragen, ob die Leistungen der Chinesen nach den Regeln zustande gekommen sind – Stichwort Doping. Oder ob die Rechte von Kindern und Jugendlichen geachtet werden.“ Hermann kann sich außerdem symbolische Aktionen vorstellen. „Deutsche Sportler könnten in Peking eine katholische Kirche besuchen. Die katholische Amtskirche ist zwar nicht verboten, aber es gibt eine Art Untergrundkirche, die verfolgt wird.“ Auch mit anderen kritischen Gruppen könnten Sportler und Funktionäre Gespräche suchen, sagt Hermann, „wenn auch nicht unbedingt mit denen, die das System am meisten kritisieren“.

Dirk Pleiter, der mit Amnesty International sowohl an das IOC insgesamt als auch an einzelne Mitglieder herantreten will, macht den Sportfunktionären jedenfalls Mut. „Unsere Erfahrung hat gezeigt: Die chinesischen Behörden können mittlerweile durchaus mit Kritik umgehen.“

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