Sport : Tödlicher Fahrfehler

Die junge Sportart Skicross trauert um den verunglückten Nick Zoricic.

Rasen, drängeln, springen. Das macht den Reiz des Skicross aus. Ganz links Nick Zoricic bei einem Rennen Ende Februar in Bischofswiesen. Foto: dapd
Rasen, drängeln, springen. Das macht den Reiz des Skicross aus. Ganz links Nick Zoricic bei einem Rennen Ende Februar in...Foto: dapd

Grindelwald - Mit ihrer Trauer wollte die Skicross-Familie am Sonntagmorgen für ein paar Momente allein sein. Die Medien waren ausgeschlossen, als sich die Weltcup-Fahrer auf der Strecke in Grindelwald in einer gemeinsamen Abfahrt von dem am Samstag tödlich verunglückten Kanadier Nick Zoricic verabschiedeten. Im Zielraum, an der Stelle, an der 29-Jährige tags zuvor schwer gestürzt war, bildete sich ein Blumenmeer. Entsetzen und Ratlosigkeit waren knapp 24 Stunden nach dem rabenschwarzen Moment für die junge Sportart im Zielhang von Grindelwald zu spüren. Für Erklärungsversuche war es aber noch viel zu früh.

„Ich glaube, so ein Ereignis ist nicht geeignet, um im ersten Moment aus dem Bauch heraus irgendwelche Spekulationen oder Überlegungen zu machen“, sagte Christoph Egger, Chef des Weltcup-Organisationskomitees, der „Jungfrau Zeitung“. Die Phase der „Trauer und Fassungslosigkeit“ müsse man „vorbeigehen lassen. Aber das ist hier und jetzt nicht der Moment dazu.“ Untersuchungen auf der Unfallstrecke sollen in der kommenden Woche die Frage nach dem Warum klären. Um eine Sicherheitsdebatte wird die Freestyle-Szene nach dem zweiten tödlichen Unfall im Skiteam Kanada binnen zwei Monaten aber wohl nicht herumkommen.

„Dazu ist es noch zu früh“, sagte auch Heli Herdt, Sportdirektor Skicross des Deutschen Skiverbandes (DSV): „Jeder Leistungssport, vor allem wenn es auch um Geschwindigkeit geht, birgt gewisse Risiken. Da muss man sich immer Gedanken machen.“ Bisher wird davon ausgegangen, dass Zoricic bei seinem schrecklichen Unfall im Achtelfinallauf des Weltcup-Finals gepatzt hat. Egger betonte, dass es im vergangenen Jahr und auch in Vorbereitung auf den diesjährigen Weltcup keinen einzigen Sturz nach dem weiten Zielsprung gegeben hatte. Auch anwesende Journalisten sprachen im Zielraum von einem Fahrfehler. Die Sicherheitsvorkehrungen haben wohl nicht versagt. „Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände“, sagte Herdt.

Für die „Gladiatoren des Skisports“, die die Skicrosser gerne sein wollen, sind schwere Unfälle keine Seltenheit. Die deutsche Vorzeigefahrerin Heidi Zacher kam Anfang der Saison noch glimpflich davon, als sie sich „nur“ das Wadenbein brach. Schon nach dem Tod der Halfpiperin Sarah Burke infolge eines Trainingsunfalls im Januar stellte sich die Frage, wie sehr man das „höher, schneller, weiter“-Image strapazieren darf. Zoricics tragischer Unfall ist nun der erste Todesfall im Skicross. „Man kann von nichts anderem als einem Tiefpunkt für den Sport sprechen“, sagte Egger.

„Skifahren ist ein großartiger Sport, der viel gibt, aber auch nimmt. Es ist ein trauriger Tag, Nick Zoricic zu verlieren“, schrieb der alpine Rennläufer Ted Ligety bei Twitter. Auch er forderte, aus dem Drama zu lernen. Nur wie? Kann eine Sportart, die von Freiheit und Risikofreude lebt, die Rolle rückwärts überhaupt schaffen? Die Strecke in Grindelwald wurde von den meisten Athleten als „Gleitstück“, also als flacher Kurs, bezeichnet.

Um 12.35 Uhr war Zoricic am Samstag wohl infolge eines Schädel-Hirn-Traumas gestorben. Beim Zielsprung, den der Kanadier gleichauf mit zwei Kontrahenten im Duell Mann-gegen-Mann anfuhr, landete er neben der Piste und blieb, eingewickelt im Fangnetz, bewusstlos liegen. „Das ist ein sehr trauriger Tag für die ganze olympische Bewegung“, sagte Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees.

Das Skiteam Kanada hat sich laut Schweizer Fernsehen noch am Samstag von dem „talentierten Skiracer und großartigen und beliebten Athleten“ (Verband) verabschiedet. Auf dem Jungfrau-Gipfel im Berner Oberland ist die Mannschaft der kanadischen Tradition nachgekommen, auf einem Berggipfel von einem Verstorbenen Abschied zu nehmen. Eine Tradition, auf die sie gerne verzichtet hätten. dapd

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