Sport : Tor im Tor

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Von Claudio Nogueira

Rio de Janeiro. Brasilien liegt im Gelb- und Grünfieber. Die Symptome: Sorge und kalter Schweiß, Herzklopfen und Bluthochdruck. Das beste Heilmittel ist ein lautes „goooooooooool“. Das Gelb- und Grünfieber ist keine Krankheit, sondern die Leidenschaft der Brasilianer für Fußball. In Gelb und Grün, den Nationalfarben, kickt die Selecao, die brasilianische Nationalmannschaft.

Heute (11 Uhr MESZ) greift Brasilien beim Spiel ins WM-Geschehen ein. Davor gibt es eine Hand voll Probleme. Das größte Problem betrifft Mannschaftskapitän Emerson, denn der fällt für das gesamte WM-Turnier aus. Der ehemalige Leverkusener erlitt im Training eine Schlüsselbeinverletzung, nachdem er sich als Torwart versucht hatte. Nach einer ersten Diagnose liegt eine Splitterung vor, Emerson muss mit acht Wochen Pause rechnen. Die Schulter wurde ruhig gestellt. Am Montag oder Dienstag soll entschieden werden, ob der 26-Jährige vom AS Rom operiert werden muss. Emerson hatte als Keeper versucht, einen Schuss von Rivaldo zu parieren. Bei der WM 1998 war Emerson erst in letzter Sekunde in den Kader gerutscht, nachdem Stürmer Romario wegen einer Wadenverletzung nicht nominiert wurde.

Auch Stürmer Ronaldo wird beim Auftaktspiel gegen die Türkei vielleicht nur zuschauen. Dem Star von Inter Mailand droht die Verbannung auf die Ersatzbank. „Wenn du nicht besser deckst und läufst, bleibst du draußen“, rügte Brasiliens Coach Scolari den 25-Jährigen beim letzten Training vor dem ersten WM-Spiel.

Und dann macht den Fans in der Heimat auch noch der Zeitunterschied zu schaffen. Das Spiel gegen die Türkei beginnt um sechs Uhr morgens brasilianischer Zeit. Wie soll da Partystimmung aufkommen? Zudem hadern die Fans mit dem Stil der Mannschaft. Sie würden gerne mehr Lebendigkeit und mehr Ballkunst sehen. Zudem war die Leistung in der Qualifikationsrunde schwach. Die brasilianische Mannschaft ist daheim in Misskredit geraten. Der Glaube an die Fußballer sei geschwunden, die Stadien seien leerer als sonst, sagt Antonio Nascimento, Sportjournalist der Tageszeitung „O Globo“.

Zur allgemeinen Skepsis trägt auch „das Klima von Korruption und Anarchie“ (Nascimento) bei. Präsidenten und leitende Direktoren von Fußballklubs und -verbänden bleiben trotz schwerwiegender Korruptionsvorwürfe im Amt. Während sich ihre Funktionäre bereichern, sind große Fußballklubs, vor allem in Rio, hoffnungslos verschuldet und nicht in der Lage, die Gehälter ihrer Angestellten pünktlich zu zahlen.

Vor dem Hintergrund dieser moralischen Krise empfinden viele Brasilianer den Kampf um den fünften WM-Titel als eine Frage der Ehre. Fußball genießt in Brasilien einen ungeheuren Stellenwert. Das Land ist keine ökonomisch-militärische Macht wie die USA, und es blickt auf keine lange Geschichte wie Europa zurück. Aber Brasilianer sehen ihr Land als größte Fußballpotenz an. Darum kann es auch gut sein, dass sich die gegenwärtige Skepsis in Brasilien von einer Stunde zur anderen in überschäumenden Optimismus verwandelt – wenn das Team einen schönen Sieg gegen die Türkei davonträgt. „Wir Brasilianer sind so“, sagt Nascimento.

Aus dem Portugiesischen übersetzt von Karen Wientgen.

DIE TÜRKISCHEN FANS: SEITE 12

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