Torhüter : Ein Gegentor als letztes Souvenir

Gegen Bukarest feierte Jens Lehmann wohl seinen Abschied von Arsenal – ein Wechsel scheint unausweichlich.

Raphael Honigstein[London]
Lehmann
Jens Lehmann blickt in eine ungewisse Zukunft -Foto: dpa

Da es ziemlich kalt war und sportlich für ihre bereits ausgeschiedene Mannschaft um nichts mehr ging, hatten die 3000 mitgereisten Fans aus Bukarest zur Stärkung eine Prise britischen Humor mit ins Emirates-Stadion gebracht. Sie hielten frech ein Plakat hoch, auf dem „Wir sehen uns bei der Euro!“ stand; Rumänien darf im kommenden Sommer ja mitspielen, England bekanntlich nicht. Beim Versuch, ironisch zu witzeln, hatten die Besucher allerdings übersehen, dass die überwiegende Mehrheit des von Franzosen, Tschechen, Spaniern und Holländern geprägten Teams des FC Arsenal in der Tat in Österreich und der Schweiz zu bewundern sein wird. Theo Walcott schaffte es als einziger Engländer in die Aufstellung, und das auch nur, weil Arsenal bereits für das Achtelfinale qualifiziert war und Trainer Arsène Wenger seiner Stammelf vor dem Schlager gegen Chelsea am Sonntag eine Pause gewährte. Unter diesen Voraussetzungen kam auch Jens Lehmann zu seinem ersten Arsenal-Spiel seit knapp vier Monaten.

An die deutsche Nummer eins werden die Rumänen mit ihrem Spott eher nicht gedacht haben, aber die Lage des Vereinsreservisten bleibt weiter schwierig: Wenger insistierte vor der Partie, dass der Einsatz des 38-Jährigen nicht als grundsätzliche Entscheidung für ihn zu werten sei, sondern bereits vor Wochen beschlossen worden war. „Es ist gut für einen Torhüter, Spielpraxis zu sammeln“, hatte der Franzose gesagt.

Dieses Unterfangen war in den ersten 45 Minuten allerdings völlig unmöglich. Arsenal dominierte, und Lehmann hatte ausschließlich mit beißender Kälte zu kämpfen. Die besten Angriffe der Gäste führten ins Abseits, die restlichen zu gar nichts. 2:0 stand es nach Toren von Abou Diaby und dem Dänen Nicklas Bendtner zur Pause; Lehmann dürfte erwogen haben, sich für die zweite Hälfte eine Flasche Glühwein mit in den Kasten zu nehmen. Doch Arsenals flüssiges Kombinationsspiel erstarrte nach Wiederanpfiff im eisigen Rund, plötzlich tauten die Rumänen auf. Steauas erster durchdachter Angriff führte zum Anschlusstreffer: Dorel Zaharia setzte sich in der Luft gegen den kleinen Armand Traoré durch, in hohem Bogen flog sein Kopfball unhaltbar für Lehmann ins lange Eck. „Er konnte da wenig ausrichten“, sagte Wenger gelassen.

„Viel zu langsam“ titelt die Presse

Wie wenig Kredit der Schlussmann bei der englischen Presse genießt, offenbarte sich aber am nächsten Morgen. „Viel zu langsam“ habe der „schwerfällige“ Keeper reagiert, schrieb der „Mirror“, „er kann sich nicht beschweren, wenn er am Wochenende wieder auf der Bank sitzt. Alle Diskussionen sind nun beendet. Auf Lehmann wartet der Ausgang.“

Oder der Notausgang. Mit den überzogenen Kritiken des Boulevards, der nur Helden oder Trottel kennt, wird er leben können, weitaus problematischer ist der Mangel an Perspektive. „Den Spielberichtsbogen kann er sich als Souvenir aufheben“, schrieb der „Guardian“ hämisch, denn Lehmanns Auftritt gegen Bukarest droht wirklich sein letzter Einsatz für Arsenal gewesen sein. Wenger deutete an, dass gegen Chelsea wieder der Spanier Manuel Almunia im Tor stehen würde. Und Lehmann muss selbst im Ligapokal gegen die Blackburn Rovers am kommenden Mittwoch auf die Bank – Wenger versprach, Lukasz Fabianski, dem dritten Torhüter aus Polen, Spielpraxis zu geben.

Lehmanns kürzlich formulierter Plan, sich mit Einsätzen in den bei Arsenal traditionell weniger geschätzten Pokalwettbewerben für die Nationalelf und die EM fit zu halten, wird also nicht aufgehen. In der „Zeit“ hat er erklärt, aus familiären Gründen bis zum Sommer 2008 in London bleiben zu wollen – wie es derzeit steht, kommt er aber um einen Wechsel im Winter nicht herum. Manchester City ist eine mögliche Option, zudem soll Lehmann schon Anfang vergangener Woche in Wolfsburg über einen Transfer zum VfL verhandelt haben. In einer abgedunkelten Limousine soll der Nationalkeeper vom Flughafen abgeholt worden sein. Ähnlich verschwiegen gestaltete sich am Mittwoch auch Lehmanns Abgang nach dem Sieg. Er verließ das Stadion durch eine Hintertür. Vielleicht ein letztes Mal.

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