Sport : Total perplex

Viele Reaktionen nach Tagesspiegel-Artikel über Ex-Bodybuilder, der jetzt gegen Doping kämpft

Frank Bachner

Berlin - Manchmal musste die junge Frau schluchzen. Dann hörte Jörg Börjesson am Telefon nur abgehackte Sätze. Die Frau sagte, sie sei 17. Und sie habe das alles nicht mehr ausgehalten. Sie habe Schluss gemacht mit ihrem Freund, vor 14 Tagen. „Ich musste es tun.“ Der Ex-Freund ist 20 Jahre alt und Bodybuilder. Er habe Anabolika geschluckt, sagte die Frau, viel Anabolika. Dann sei er immer aggressiver geworden. Er habe sie bei Kleinigkeiten angeschrien, schließlich habe er auch zugeschlagen. Da hatte sie genug. Börjesson unterbrach sie kaum. Er kennt solche Geschichten, er weiß, dass man da zuhören muss. „Die Frau wollte sich einfach ausheulen, sie konnte nicht mehr“, sagt der 40-Jährige.

Es war einer von rund 100 Anrufen, die der Ex-Bodybuilder Börjesson seit vergangenen Sonntag erhielt. Es waren Reaktionen auf einen Artikel im Tagesspiegel, in dem der Anti-Doping-Kampf des früheren Anabolika-Konsumenten beschrieben wurde. Unter der Internetadresse www.dopingfrei.de steht alles über Börjessons Projekt. Neben Anrufen kamen E-Mails. „Rund 100“, schätzt Börjesson. Sie lassen erahnen, wie groß der Dopingsumpf in der Bodybuilderszene ist.

Ein 20-jähriger Türke schrieb: „Mein Kiefer ist schlimmer als der von Arnold Schwarzenegger, ich hör meine Knochen öfter knacksen, und meine Hoden sind klein. Ich bin am Boden zerstört, ich erkenne mich selbst nicht mehr.“ Dann fragte er, welcher Arzt ihm helfen könne. Ein 19-Jähriger schrieb: „Ich möchte eine sechswöchige Anabolika-Kur machen, sind die Nebenwirkungen auch bei einer solchen kurzen Kur extrem?“ Börjesson riet ihm dringend ab. „Nebenwirkungen können auch bei einer einmaligen Kur auftreten.“

Ein 19-Jähriger schrieb, er habe sich ein Mittel aus Griechenland besorgt, auf dem DEKA stehe. „Ist es gefährlich, wenn man DEKA nur einmal im Monat nimmt?“ Börjesson war geschockt. Offenbar handelt es sich um Deca-Durabolin, ein Mittel, das bei Brandverletzungen eingesetzt und wegen extremer Nebenwirkungen vom Markt genommen wurde. Wie dieses Mittel wirkt, schilderte eine verzweifelte Frau: „Mein Freund nimmt Deca-Durabolin. Seine Schwester, seine Freunde und ich haben starke Veränderungen an ihm festgestellt. Es ist mittlerweile schon so weit, dass er mich das zweite Mal verlassen hat innerhalb eines knappen halben Jahres. Jedesmal, wenn er eine Kur gemacht hat.“

Ein anderer schrieb: „Habe ein ernstes Problem wegen Anabolika. Können Sie mir Ärzte empfehlen, zu denen ich gehen kann?“ Börjesson kann zumindest den Arzt empfehlen, der ihm selbst die Brüste wegoperiert hatte, die ihm durch den Anabolika-Konsum gewachsen sind. Und er kann den Psychologen Werner Hübner in Köln empfehlen, der sich auf Dopingopfer im Fitnessbereich spezialisiert hat. Ein anderer wollte wissen: „Ist es auch schädlich, wenn man Dosierungen genau einhält?“ Ja, schrieb Börjesson zurück, „es gibt keinen gesunden Medikamentenmissbrauch.“

Die Freundin eines Fitness-Trainers schrieb: „Mein Freund macht Kraftdreikampf. Jetzt habe ich ihn erwischt, wie er sich eine Spritze in seinen Po gehauen hat. Ich bin total perplex.“ Der Freund sei ständig krank, habe Krämpfe, eine Thrombose im Arm, und in depressiver Stimmung sei er auch öfters. „Er macht sich kaputt, das ist sooo offensichtlich.“ Wenn sie ihn darauf anspreche, sage er, sie sei hysterisch. „Wenn ich mir im Internet anschaue, was das Zeug mit einem anstellt, dann kriege ich einfach Angst um ihn.“

Aber Dopingaufklärer Börjesson erhielt auch einen anderen Anruf. Ein Mann sagte empört: „Sie ziehen hier doch nur das Bodybuilding in den Dreck.“

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