Sport : Tote Bälle

Rafael Nadal und Roger Federer hadern bei der Tennis-Weltmeisterschaft in London mit dem Untergrund – erfolgreich sind sie trotzdem

Petra Philippsen[London]
Hart an der Grenze. Rafael Nadal kommt mit dem langsamen Belag in London nur schwer zurecht, im zurückliegenden Jahr scheiterte er schon vor dem Halbfinale. Foto: Reuters
Hart an der Grenze. Rafael Nadal kommt mit dem langsamen Belag in London nur schwer zurecht, im zurückliegenden Jahr scheiterte er...Foto: REUTERS

Andy Roddick sammelte sich einen Moment. Er hatte unruhig an Hemd und Kappe genestelt, bevor er sich wieder zum Aufschlag bereit machte. Gerade war ihm ein Doppelfehler unterlaufen. Gerade ihm, dem schnellsten Schützen der Branche, in seiner Paradedisziplin. Es war Roddicks erster an diesem Abend, doch zum ungünstigsten Moment. Denn der Fauxpas brachte seinem Gegner Rafael Nadal zur Mitte des zweiten Satzes einen Breakball ein. Der nächste Versuch musste also unbedingt sitzen. Er tat es, Roddick hämmerte den Ball wieder mit 235 km/h ins Feld, doch Nadal parierte ihn, als sei es nur ein schlapper Einwurf gewesen.

Verdutzt schob Roddick den Ball ins Netz und kassierte so das Rebreak. Mit einem Satz und einem Break hatte der amerikanische Topstar gegen Nadal geführt, nun war die Partie gekippt. Roddick unterlag mit 6:3, 6:7 und 4:6 im ersten Gruppenspiel bei den ATP World-Tour-Finals und konnte es doch nicht recht glauben. „Was soll ich auf diesem Belag denn machen?“, fragte Roddick später frustriert.

Härter und besser hatte der Weltranglistenachte kaum aufschlagen können, und es hätte ihm auf einem Hallenboden normalerweise einen Vorteil gegen Nadal verschafft, den er zu Beginn überrollt hatte. Doch der Hartplatz-Belag in der Londoner Arena ist eben nicht normal, sondern besonders langsam. Roddicks stärkste Waffe wird dadurch entschärft. Und auch wenn er auf 18 Asse kam, so blieben viele seiner Aufschläge eben erreichbar. Und war der Ball erst einmal im Spiel, folgten lange, zehrende Ballwechsel, wie man sie sonst eher von Sandplätzen gewohnt ist.

Man sollte meinen, dass Nadal als „Beherrscher der roten Asche“ dieser Untergrund behagen müsste, doch das Gegenteil ist der Fall. „Für mich ist das am schwersten hier“, klagte der spanische Weltranglistenerste, „die Bälle fühlen sich wie tot an. Sie springen überhaupt nicht ab und nehmen den Topspin nicht an.“ Nadal kann seine Gefährlichkeit so nicht richtig ausspielen, es gelang ihm schon im letzten Jahr bei der Premiere in London nicht, als er in drei Gruppenspielen gar ohne Satzgewinn blieb und vor dem Halbfinale kläglich ausschied. „Es gibt kein Turnier, das schwieriger für mich zu gewinnen ist. Es ist schwerer als ein Grand-Slam-Sieg“, stellte Nadal nüchtern fest.

Dabei könnte Nadal seine fulminante Saison, in der er die French Open, Wimbledon und die US Open gewann, gar noch mit seinem ersten Titel beim Tour-Finale krönen und damit zu Andre Agassi aufschließen. Denn der Amerikaner ist bisher der einzige Spieler der Geschichte, der jeden Grand Slam, olympisches Gold und einen WM-Titel gewinnen konnte. Folgt man jedoch den spanischen Medien, so scheint Nadal daran gar nicht so interessiert zu sein. Sie vermuten, dass der 24-jährige Mallorquiner seine jüngste Schulterblessur nur vorgeschoben hatte, um sich während des Masters in Paris eine Pause zu gönnen. Denn nur vier Tage nach dem Tour-Finale wolle Nadal bereits voll in die Saisonvorbereitung für 2011 einsteigen. Der Titel bei den Australian Open im Januar habe höchste Priorität, in London schaue er einfach, was auf dem schwierigen Belag gegen die Besten der Besten möglich ist.

Zumindest aber hat Nadal einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz: Ihm blieb die harte Umstellung aus Paris erspart. „Zwischen hier und Paris ist es wie Tag und Nacht. Den Belag kann man nicht einmal annähernd vergleichen“, betonte Roddick und Roger Federer fügte hinzu: „Auf so einem schnellen Boden haben wir seit Jahren nicht mehr gespielt, deshalb ist der Unterschied zu London jetzt so extrem.“ Der Schweizer Weltranglistenzweite hadert ebenso, bringt es im Schnitt nur auf fünf statt 15 Asse. Erfolgreich ist er trotzdem: Sein zweites Spiel in London gewann Federer am Dienstag 6:4, 6:2 gegen Andy Murray.

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