Sport : Tour de France: "Anständig, sauber, schön, ein Fest"

Helmut Schümann

Zu guter Letzt war noch Zeit für eine Geste der Großherzigkeit. Jan Ullrich durfte sie ausüben am vergangenen Wochenende in Heppenheim bei den Deutschen Straßenmeisterschaften. Kurz vor dem Zielstrich scherte der gute Ullrich aus, radelte in Richtung Zuschauer, klatschte diese ab und ließ die Kollegen um die Plätze sprinten. Was das zeigt, außer, dass einen wie Jan Ullrich, der die Tour de France gewinnen will und gewinnen kann, der Titel eines deutschen Straßenmeisters nicht ganz so viel bedeutet? Nun, es zeigt, dass Ullrich wieder da ist. Wer oben steht, kann leicht generös sein.

Er war das schon im ganzen Rennen zuvor, als er dem Team-Kollegen Rolf Aldag zum Sieg verhalf, jenem Fahrer, den die Teamleitung nicht braucht bei den diesjährigen 3662 Kilometern durch Frankreich. Es waren dann auch anschließend alle sehr begeistert über Held Ullrich, Rolf Aldag bescheinigte ihm "menschliche Größe". So soll es sein im Team Telekom: Einer - Jan Ullrich - für alle, alle für Ullrich und alle ganz großartig. Erik Zabel, der als Sprinter die heute in Futuroscope bei Poitiers beginnende erste Woche der Tour dominieren soll: "Die Mannschaftsführung hatte diesmal ein Luxusproblem: zu viele gute Fahrer."

Man hat dieses beneidenswerte Problem schon die gesamte Saison hindurch beobachten können. Die Deutschen beherrschten die Szene wie selten ein Team zuvor. 42 Siege konnte sich das Team Telekom erstrampeln und wüsste man nicht, dass deutsche Sportler niemals dopen - und wenn, nur in Ausnahmefällen und das auch lediglich in der Vergangenheit -, dann könnte man glatt annehmen, diese Triumphfahrt sei nicht mit rechten Dingen zugegangen. Aber gottlob weiß man hierzulande über diese traditionelle und konsequente deutsche Doping-Verweigerung, weswegen auch kein Argwohn aufkommen konnte über die vor drei Wochen bei der Tour de Suisse endlich, aber plötzlich wieder einsetzende Leichtfüßigkeit von Kapitän Ullrich. Bis dahin war er eher etwas schwerfällig unterwegs, so schwerfällig, das sich manch einer schon Sorgen machte. Völlig unnötig natürlich, weiß man doch, dass Ullrich immer im Frühjahr schwerfällig ist, weil er dann stets noch den Winterspeck mit rumzuschleppen hat.

Es ist im übrigen dieses Wissen der Deutschen über ihre reinen Heroen kein patriotisches Phänomen. Man weiß genauso, dass zum Beispiel auch Italiener nie dopen - und wenn, dann nur in Ausnahmefällen und das auch lediglich in der Vergangenheit. Anderenfalls müsste man sich ja wundern, dass Marco Pantani auch startet, obwohl er sich am 13. Oktober vor einem Gericht in Forli wegen Sportbetrugs verantworten muss. Gewiss grundlos, denn weil man eben weiß, dass auch Italiener nicht dopen - Spanier und Franzosen übrigens auch nicht -, ist der Verdacht haltlos. Pantani, dem Sieger der Tour 1998, wird vorgeworfen sich mit Erythropoietin vollgepumpt zu haben, jenem Teufelszeug, das unter Radsportlern unter dem Kürzel Epo Angst und Schrecken verbreitet. Nicht nur, weil die Einnahme ziemlich lebensgefährlich sein kann, sondern weil strenge Kontrolleure immer mal wieder Radfahrer daraufhin untersuchen.

Da hat es sich gut getroffen, dass ein an sich bislang als ausgereift geltender Nachweis-Test in der vergangenen Woche von einem dreiköpfigen Ärzteteam für diese Tour zurückgepfiffen wurde. Es fehlten letzte juristische und wissenschaftliche Klarheiten. Die Mediziner waren vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) mit der Prüfung beauftragt worden. Und vom IOC ist ja bekannt, dass es Doping bis aufs Messer bekämpft. Insofern braucht niemand Misstrauen zu hegen. Außerdem ist aufgehoben nicht aufgeschoben, die gezogenen Proben werden eingefroren, ihre Analyse wird nach der Tour veröffentlicht. Es kann also lange nach dem Finale in Paris am 23. Juli noch böse Überraschungen geben - immerhin bleibt das Ereignis unbeschwert. "Anständig, sauber, schön, ein Fest", wie Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc es sich wünscht.

In Frankreich ist es nämlich dummerweise so, dass es dort die Sportministerin Madame Buffet gibt, die dieses anerkannte und allgemeine Wissen über die Sauberkeit des Radsports einfach negiert. Sie hat damit bei der Tour 1998 angefangen, und was bei diesem Aktionismus rausgekommen ist, das hat die mythenträchtige Tour de France doch nachhaltig erschüttert. Da wurde ein ganzer Rennstall, der von Festina um den französischen Star Richard Virenque und den Schweizer Alex Zülle ganz ausgeschlossen; es wurden Fahrer wegen Arzneimittelmissbrauch verhaftet; es gab Sitzblockaden auf der Landstraße und es gab Fahrer, die so schnell, wie ihre Beine es zuließen, das Land verließen. Der Franzose Laurent Jalabert war so einer, der reiste gleich mit dem ganzen Team Once ab, nachdem er die Streiks angeführt hatte. Diesmal ist er aber auch wieder dabei, wie auch Virenque und Zülle.

Damals hat also Madame Buffet dieses Fest gesprengt - wohlgemerkt, Madame Buffet und nicht etwa unehrliche Fahrer, die, man weiß es, dopen ja nicht, und wenn, dann nur in Ausnahmefällen und das auch lediglich in der Vergangenheit. Die Böse hat damit an einem Denkmal rumgewackelt. So lange gibt es die Tour nun schon, und so lange wird über ihre Heldentaten mit großer Ehrfurcht berichtet. Und es sind Heldentaten, die die Fahrer in diesen drei Wochen vollbringen, da gibt es - Ehrlichkeit hin, Ehrlichkeit her - kein Vertun.

Dass dieses Denkmal nicht stürzte, war dann im vergangenen Jahr einem Amerikaner zu verdanken. Lance Armstrong, der dem reichen Sagenschatz der Tour eine weitere, grandiose zufügte. Armstrong gewann die Tour 1999, was aber vergleichsweise marginal war, weil er nämlich vor allem das Leben gewonnen hatte. Armstrong hatte zuvor den Krebs besiegt, der seinen Körper schon so weit zerfressen hatte, dass ihm die Ärzte nahezu keine Überlebenschance mehr gegeben hatten.

Eine überwältigende Geschichte, und es dürfte dem Amerikaner reichlich egal sein, dass er damit möglicherweise die Tour vor noch größerem Schaden bewahrt hat. Das Interesse an diesem Wettkampf der Titanen hatte nämlich nach der Tour de dope von 1998 merklich nachgelassen. In Deutschland ohnehin, nachdem Jan Ullrich nicht mitgefahren war, nach Verletzungen an Leib und Seele. Die an der Seele hatte ihm der "Spiegel" zugefügt, jenes Hamburger Nachrichtenmagazin, über das man ja weiß, dass es immer besonders schlecht informiert ist und deren Journalisten stets besonders schlecht und besonders leichtfertig recherchieren. Diesmal hatten sie Ullrich in die Nähe von Doping gebracht, was ja alleine schon deshalb Unsinn war, weil Ullrich Deutscher ist und Deutsche, wie gesagt, traditionell nicht dopen. Der "Spiegel" hat das auch später einsehen müssen. Es blieben nämlich nur drei, vier, fünf Indizien stehen, die für die unsinnige Vermutung sprachen, also im Grunde genommen nichts. Aber mitgefahren ist Ullrich dann doch nicht.

Also rettete Lance Armstrong mit seiner bewegenden Story den Glauben an die Tour de France. Was dann auch der Grund ist, dass Tourdirektor Leblanc "2000 eine neue Periode" beginnen sieht, also eine Tour erwartet, "die ihr Lächeln wiederfindet". Er hat deshalb auch die klassische Route gewählt, man ist bei der Tour immer besonders empfänglich für Symbole.

Das mit der klassischen Route hat allerdings einen kleinen Nachteil. Die Strecke führt über den Mount Ventoux, der die Tour an die unrühmliche Vergangenheit erinnert (also die Zeit, in der vereinzelte Radler zum Doping griffen). 1969 fiel hier Tom Simpson tot aus dem Sattel, zermartert von der Sonne und den Anstrengungen, vor allem aber von den Drogen in seinem Körper. Wahrscheinlich wird man seiner gedenken bei der Passage, und den Kopf schütteln über diese dunkle Zeit.

Aber bitte nicht zu lange. Schließlich ist das Mittelalter des Sports überwunden, heute treten aufgeklärte Sportler in die Pedale. Sportler, von denen man weiß, dass sie nie dopen. In diesem Sinne, allez, auf eine schöne Tour. Auf neue Helden, Legenden und Mythen. Genaueres will man vielleicht auch nicht wissen.

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