Sport : Tour de France: Die Tour wird im Winter entschieden (Kommentar)

Johannes Taubert

Regelmäßig begegnen uns diese "Vorher-Nachher"-Geschichten. Eine Frau wiegt 100 Kilogramm vor der Brigitte Diät und drei Monate später bereits 38 Kilogramm weniger. Oder wir machen mehr aus unserem Typ und wechseln vom Fach Mauerblümchen in die Rolle des Vamp. Wenn auch nur für einen Tag. So ähnlich ist das mit Jan Ullrich. Betrachtet man sich Fotos von ihm so um die Weihnachtszeit, dann sieht man stets den doppelten Ullrich, klopsartig, und niemand käme auf die Idee, dieser sei ein Radprofi, zumal einer der talentiertesten der Welt. Im Juli dann bei der Tour de France sieht er wieder aus wie immer im Juli bei der Tour de France und fährt die Berge rauf und runter, hetzt durchs Zeitfahren, als wäre nichts gewesen.

Für Medienvertreter ist es leichter eine Litfasssäule zum Sprechen zu bringen als diesen König der Magentafahrer. Und niemand weiß, was drin ist, wo Ullrich draufsteht. Zwischendurch gibt er mal den Vamp wie am Dienstag, als er sich vom Kontrahenten Armstrong eineinhalb Minuten zurückholte und alle meckern, ob des schludrigen Umgangs mit den Fähigkeiten. Doch er bleibt zufrieden verhaftet in seinem Phlegma, selbst wenn er zuletzt für die Öffentlichkeit Besserung gelobte. Lehrer kennen das Phänomen, wenn die eigentlich Begabtesten im Zwischenzeugnis einige Fünfer einfahren, um dann bei der Versetzung wieder als Primus durchzugehen, ohne dass jemand einen Einfluss darauf hätte. Solange das Erfolg hat, und ein zweiter Platz bei der Tour ist nichts anderes als ein großartiger Erfolg, wird sich das auch nicht ändern. Im Winter wird gemampft, im Frühjahr gerackert und im Sommer muss das Talent es richten.

Armstrong sagte dieser Tage, er habe immer ein bisschen Angst vor Ullrich, weil er nie wisse, was der eigentlich drauf habe. Das wissen wir auch nicht, das weiß keiner, wahrscheinlich nicht mal Jan Ullrich, denn er hat es ja nur selten richtig ausprobiert. Siehe Weihnachtsfotos. Womit bewiesen ist, dass die Tour eigentlich schon im Winter entschieden wird.

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