Sport : Tour de France: Ist es nicht trotzdem bombastisch?

Helmut Schümann

Das nächste Mal muss Heizkörperlack mit, dem macht der Regen nichts. Ansonsten aber hat Gerda Heine alles dabei, was nötig ist, um die Tour de France zu begleiten: zwei Deutschlandfahnen, wovon eine das Logo einer bekannten Telekommunikations-Firma ziert; eine Fahne vom gleichen Unternehmen; zwei Angelruten; Dispersionsfarbe; eine Lackrolle; einen Fernseher und eine Satelitten-Schüssel und ein Ladegerät für die Batterie; Klebeband; Expander-Seile; Kabelbänder. Und noch viel mehr, alles in einem Mini-Van, mit dem sie durch Frankreich reist.

Heute steht sie am Ende einer Linksurve kurz vor Revel im Departement Garonne. Am Tag zuvor stand sie am Fuß des Aubisque in den Pyrenäen. Morgen wird Ruhetag sein bei der Tour, und danach wird sie sich an der Auffahrt zum Mont Ventoux in der Provence postieren.

Gerda Heine ist gerade 50 geworden, sieht aber älter aus, weil das Wetter auf ungezählten Camping-Urlauben und wahrscheinlich auch das Leben Spuren hinterlassen haben in ihrem Gesicht. Vor einem Jahr packte sie erstmals ihr Zeug, um als Fan des deutschen Radrennstalls Team Telekom bei der Tour de France dabei zu sein. Warum sie das machte, ist zunächst eine sehr traurige Geschichte. Weil sie es machte, bekam die traurige Geschichte immerhin ein tröstliches Ende.

Zum Radsport gekommen ist Gerda Heine schon vor vielen Jahren. Daheim in Frankfurt am Main sah sie die Fahrer rund um den Henninger-Turm radeln, einer traditionsreichen Fahrt unter den Radrennen. Und im Fernsehen sah sie die Klassiker dieses Sports, die durch Italien führen, Belgien, Spanien und eben Frankreich. Sie sei sehr beeindruckt gewesen, sagt sie, und ihr Mann auch. Und dann träumten sie beide davon, die Tour einmal nicht nur am Bildschirm zu verfolgen, sondern richtig.

1997, die zwei Töchter waren schon in einem Alter, in dem die Eltern sie allein lassen konnten, bekam der Mann nicht rechtzeitig Urlaub. 1998 wurde die Tour wegen der Fußball-Weltmeisterschaft um eine Woche verschoben, was auch den Ferienplan der Heines umwarf. 1999 war der Mann tot.

"Mit 49, Gehirntumor. Vom Befund bis zum Tod vergingen ein Jahr und ein Monat." Wie sie das erzählt in ihrem Camping-Stühlchen hinter einer Linkskurve kurz vor Revel, ist es gut, dass der Wind eine der Deutschlandfahnen abgerissen hat und die Angelrute, an der die Flagge gehisst war, sich aus der Verankerung zu lösen droht. Es gibt jetzt viel zu tun, das vertreibt die Tränen.

Mit den Kabelbändern sichert sie die Fahne, mit dem Klebeband befestigt sie die Rute an einer Kilometermarkierung, ein zusätzliches Expanderseil soll Sicherheit geben gegen den Sturm. "Jetzt ist eigentlich auch die Zeit, dass ich anfange zu malen." Gegen Mittag fängt sie eigentlich immer an zu pinseln, die Namen der Fahrer malt sie mit großen Buchstaben quer über die Landstraßen und immer wieder das Telekomzeichen. Nur regnet es heute, das heißt, der Wind peitscht das Wasser waagerecht durch die Luft, da würde die Farbe nur verlaufen. "Heizkörperlack wäre jetzt gut, der würde halten." In der Früh war zudem ein Dorfpolizist da, der ihr verbot zu malen. Dabei soll es doch schön aussehen, wenn die Fahrer am Nachmittag hier vorbeirasen. "Wenn die da vorne um die Ecke kommen", sagt Gerda Heine, "dann sehen die die Fahnen und mein Auto mit der Telekom-Flagge und die Aufkleber vom Jan Ullrich-Fanclub Merdingen. Ich glaube, die sehen das und freuen sich. Und dann freue ich mich."

Damals, vor einem Jahr, beschloss sie nach der Beerdigung ihres Mannes, die Fahrt allein zu machen. "Ich habe das gebraucht, ich wollte das alles auf diese Art verarbeiten." Die Töchter redeten ihr gut zu, sie mietete ein Wohnmobil an für 200 Mark am Tag. "Und dann stand ich am Abend auf irgendwelchen Camping-Plätzen und habe mich gefragt, was ich hier mache. Bei der Fahrt durchs Loire-Tal war es besonders schlimm. Das hätte ihm auch alles gut gefallen." Doch nach und nach, erzählt sie, gewann die Landschaft, gewannen die Tour und der Radsport die Oberhand in ihren Gedanken und verdrängten die Trauer. "Es war gut, dass ich das gemacht habe, es hat geklappt."

Die Fahnen knattern inzwischen wieder standhaft im Wind. Doch hat der Sturm den Camping-Tisch umgefegt, Kaffee-Tassen liegen im Randstreifen, die Milch ist verschüttet, das Geschirr steckt im Schlamm, und das Zelt wird bei diesem Wetter auch nicht trocken. "Ich muss doch einen an der Rassel haben, dass ich das hier mache", sagt Gerda Heine, "mit dieser Kiste, im nächsten Jahr komme ich wieder mit einem Wohnmobil."

Im nächsten Jahr, und in dem Jahr darauf auch, und immer wieder. Weil auf die Trauerarbeit die Fanarbeit folgte. "Mich begeistert die Leistung der Fahrer, das Drumherum der Tour, die Freude der Franzosen, es ist einfach bombastisch." "Bombastisch", sagt sie gerne, auch wenn sie durch kleine Orte kommt und an alten Kirchen vorbeifährt. Im ersten Jahr habe sie noch Land und Leute genießen können, "aber da war ich ja auch aus anderen Gründen unterwegs, heute habe ich jeden Tag Stress."

Der Regen vor Revel hat aufgehört, der Wind hat sich gelegt, die Sonne kommt raus. Gerda Heine wartet jetzt, so wie sie jeden Tag irgendwo in Frankreich an der Piste steht und wartet. Vier, fünf Stunden, bis die Werbekarawane kommt, aus der heraus die Zuschauer mit sinnlosen, aber gierig gefangenen Präsenten beworfen werden, bis die Begleitfahrzeige vorbeirauschen, die Ausreißer, das Peloton und ihre Helden von der Telekom. "Das Warten ist schön, es entspannt, alle Arbeit ist getan."

In dem Jahr nach dieser ersten Fahrt lernte Gerda Heine das Fansein. Sie trat dem Ullrich-Fanclub bei. Kürzlich feierte der Star des Teams in Merdingen Richtfest, mit dem Fanclub. "Ulli hatte einen Schlapphut auf, er war locker, so wie er halt locker sein kann. Er ist ja sehr zurückhaltend", erzählt Gerda Heine. Sie kaufte sich die Fahnen, die Mützen, die T-Shirts, und bestimmte Fehler macht sie auch nicht mehr. Im ersten Jahr stand sie manchmal unter Bäumen im Schatten. "Aber da funktioniert dann die Satellitenschüssel nicht mehr und ich habe nichts vom Rennen gesehen."

Die Linkskurve vor Revel ist ideal. Nach Süden hin verbaut nichts die Strahlung vom Satelliten, ARD/ZDF und Euro-Sport sind bestens zu empfangen und Pfähle für die Fahnen, "daran muss ich ja auch denken", sind auch vorhanden.

Nichts stört, und als im Fernsehen noch einmal der grandiose Ritt des Amerikaners Lance Armstrong gefeiert wird, stört Gerda Heine auch nicht ihre eigene Skepsis. "Glauben Sie etwa, der kommt nur mit Müsliriegeln den Berg hoch? Ich glaube hier keinem etwas, allenfalls dem Udo Bölts von Telekom. Aber den anderen, ich weiß nicht."

Das lässt sich vereinbaren, die Zweifel und die Begeisterung? "Ich weiß schon, dass die hier nahezu alle betrügen. Die betrügen die Konkurrenten und die Kollegen. Und mich betrügen sie auch."

Und dann kommt das Feld. Gerda Heine steht an der Straße, winkt allen zu, weil sie von den Telekoms ohnehin keinen erkennt, einzelne Fahrer sind bei einem Tempo, das hier, die Straße ist leicht abschüssig, sechzig, siebzig km/h erreicht, nicht auszumachen. "Ist es nicht trotzdem bombastisch?" Gerda Heine strahlt, sie sieht ziemlich glücklich aus.

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