Tour de France : Romain Bardet lässt die Franzosen träumen

Seit 32 Jahren warten die Franzosen auf einen französischen Tour-Sieger. Dieses Jahr könnte es wieder so weit sein.

Erschöpft und glücklich: Romain Bardet nach seinem Sieg auf der 12. Etappe.
Erschöpft und glücklich: Romain Bardet nach seinem Sieg auf der 12. Etappe.Foto: AFP

Auch am Samstag, als die Tour de France von Blagnac nach Rode in Richtung Alpen einschlug, zog Romain Bardet manches Mal den Reißverschluss seines Trikots weit nach unten, als würde er nicht genügend Luft bekommen. Doch das macht der im Verlaufe eines Rennens häufig. Und auch auf der 14.Etappe der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt, die der Australier Michael Matthews gewann, war dies sicher kein Anzeichen dafür, dass Bardet gleich die Puste ausgehen würde.

Während sich der Italiener Fabio Aru am Schlussanstieg schwertat und am Ende das Gelbe Trikot an Titelverteidiger Chris Froome verlor, zeigte Bardet keinerlei Anzeichen von Schwäche. Vor der Etappe hatte er als Dritter 25 Sekunden Rückstand auf den Führenden des Gesamtklassements, danach waren es nur noch 23.

Die Franzosen haben wieder einen neuen Radsport-Helden. Zumindest in diesen Tagen, in denen die Entscheidung noch eine Woche entfernt ist und beim besten Willen niemand sagen kann, wie die Frankreich-Rundfahrt wohl enden wird. „Allez Romain!“, „Allez Bardet!“, brüllten die Fans am Samstag, als es über zwei Anstiege der dritten Kategorie ging. „Allez Bardet“, titelte auch die „L'Equipe“ am Nationalfeiertag, darunter stand: „Das Gelbe Trikot ist nicht mehr nur ein Traum.“ Acht Seiten war der Zeitung das Spektakel in Peyragudes am Donnerstag wert, als Bardet in 1580 Metern Höhe zum Sieg stürmte.

Der Hype um ihn ist nur zu verständlich. Bei den Franzosen ist der Radsport und allen voran ihre Tour ein jährliches Nationalereignis. Und es schmerzt sie, dass zum letzten Mal im Jahr 1985 einer der ihren – Bernard Hinault – die Rundfahrt gewonnen hat. 32 Jahre sind ohnehin schon eine lange Zeit, aber wenn die Radsportnation Frankreich 32 Jahre lang auf einen Toursieger warten muss, dann ist das eine unerträglich lange Zeit. Deswegen werden die

Hoffnungsträger Frankreichs Jahr für Jahr von überbordenden Erwartungen erdrückt. So wie Bardet hat dem Druck schon lange kein Franzose mehr standgehalten.

„Wir sind durch schlimme Jahre gegangen“

Frankreich ist verzückt von Bardet, dem 26-Jährigen aus Brioude in der Auvergne. Mit seiner freundlichen Art schafft er Eindruck. Star-Allüren gibt es bei ihm nicht. Bardet kommt aus gutem Hause, sein Vater war Lehrer, seine

Mutter Krankenschwester. Neben seiner Karriere hat Bardet Betriebswirtschaft studiert, er liest Bücher und interessiert sich für das Weltgeschehen.

Vom Toursieg hat der Kapitän des AG2R-Teams nie zu träumen gewagt. „Doch es ist möglich“, sagt Bardet nun, der sich stetig verbessert hat. Schon bei seinem Tour-Debüt 2012 kam er auf Anhieb auf Rang 15, es folgten die Plätze sechs, neun und zwei. Dazu gewann er drei Etappen.

Hinter dem Erfolg steckt ein Plan. In der Chambéry Cyclisme Formation wurde er wie drei weitere Fahrer aus dem Tour-Kader ausgebildet. Das Projekt entstand Anfang des Jahrtausends, als der französische Radsport im Zuge des Festina-Skandals in Trümmern lag. „Wir sind durch schlimme Jahre gegangen“, erinnert sich Bardets Teamchef Vincent Lavenu und fügt hinzu: „Wir haben jetzt eine Reihe guter Fahrer, die unbelastet von der Vergangenheit ist.“

Und der Beste von ihnen ist Bardet. Mit seinem Trainer Jean-Baptiste Quiclet hat er im Winter an seiner Explosivität gearbeitet, dazu gehört er inzwischen zu den besten Abfahrern der Welt. Bardet interessiert sich für Material, Ernährung und Trainingswissenschaft, um sein Optimum zu erreichen. Seine einzige Schwäche ist das Zeitfahren.

Da am vorletzten Tag in Marseille noch 22,5 Kilometer im Kampf gegen die Uhr warten, muss er weiter attackieren. Damit der Traum Frankreichs gelingt. Und wenn er die Tour gewinnt? „Der nächste französische Toursieger sollte noch auf den Champs Élysées seine Karriere beenden. Es wäre schwer, mit der ganzen Aufmerksamkeit und dem Druck zu leben“, sagt Bardet. Vielleicht wird er bald wirklich diese Erfahrung machen. (Tsp/dpa)

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