Sport : Tour de France: Zweite für die Ewigkeit

Christian Hönicke

"Der Armstrong ist nicht zu schlagen", ruft Tony Rominger ins Eurosport-Mikrofon. Jeden Tag aufs Neue, wenn Jan Ullrich einen Berg erklimmt, auf dem der Amerikaner schon auf ihn wartet. Rominger weiß, wovon er spricht. Aus eigener Erfahrung.

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Bilder von der "Großen Schleife" Gewann der Schweizer im Laufe seiner Karriere doch nahezu alles, was es auf zwei Rädern zu gewinnen gibt. Ein Sieg bei der Tour war nicht darunter. Jahrelang lehnte er es ab, sich dem Diktat der übermächtigen Tour zu beugen und verzichtete, auch weil er im Hochsommer regelmäßig von Heuschnupfen geplagt wurde, auf einen Start. Als der Schweizer 1993 schließlich doch antrat, galt er als Favorit. Doch das Zeitfahren am Lac de Madine, bei dem er den Gesamtsieg wegen ungünstiger Wetterverhältnisse an Miguel Indurain verlor, genügte, um aus dem Seriensieger Rominger den Radfahrer werden zu lassen, der nie die Tour gewonnen hatte. Viermal versuchte er noch, das zu ändern, bevor er sein persönliches Tour-Kapitel mit einer Aufgabe wenig ruhmreich beendete.

Gäbe es eine Liste der ewigen Zweiten, Raymond Poulidor wäre zumindest hier ganz oben. "Poupou", wie ihn die Franzosen liebevoll nannten, unternahm 14 Versuche, die Tour für sich zu entscheiden. Er wurde dreimal Zweiter und fünfmal Dritter - gewonnen hat er die Tour nie. 1964, als sein Widersacher Jacques Anquetil wie jedes Jahr in der Gesamtwertung vor ihm lag, war er ganz nah dran am Triumph. Beim Anstieg zum Puy de Dôme ließ sich Poulidor lange Zeit von Anquetil an der Nase herumführen, der seine völlige Erschöpfung mit einem Lächeln überspielend neben ihm den Berg hochradelte. Als Poulidor seinen Kontrahenten einen Kilometer vor dem Ziel schließlich doch angriff, war es zu spät. 15 Sekunden fehlten ihm am Ende, um ins Gelbe Trikot schlüpfen zu können.

Nach dem Rücktritt Anquetils schien der Weg frei für den Mann aus Limoges. Doch der Belgier Eddy Merckx, der die Tour insgesamt fünfmal gewann, verhinderte den großen Sieg des kleinen Raymond. Auch als der wegen seines unglaublichen Erfolgshungers "Kannibale" genannte Merckx 1976 nicht dabei war, reichte es für Poulidor bei seiner letzten Tour nicht zum Sieg. Schlimmer noch, Joop Zoetemelk verdrängte ihn sogar von "seinem" zweiten Platz. Der Niederländer kam insgesamt sechsmal auf dem Platz hinter dem Sieger, der meistens Merckx oder Bernard Hinault hieß, nach Paris. Und er hätte Poulidor wohl den Titel des ewigen Verlierers abgenommen, wenn Hinault auch 1980 an der Tour de France teilgenommen hätte. Doch Zoetemelk nutzte die verletzungsbedingte Abwesenheit des Dauersiegers zu seinem einzigen Sieg, bevor er sich wieder auf den von Poulidor geerbten Platz begab.

Jan Ullrich hat mit einem Sieg bei seiner zweiten Tour de France verhindert, dass ihm das Image eines Verlierers anhaften könnte. 1997 war das. Alle Experten prophezeiten ihm damals eine große Zukunft. Fünf-, sechsmal in Folge könne er die Tour gewinnen, waren sich Merckx und Indurain einig. Es steht außer Frage, dass Ullrich einer der besten Radrennfahrer der Gegenwart ist. Ein Sieg und, falls bei der diesjährigen Tour nichts Sensationelles mehr geschehen sollte, viermal Platz zwei beim schwersten Radrennen der Welt - das ist eine außergewöhnliche Leistung.

Die Frage, die sich jedoch dieser Tage stellt, ist, ob Ullrich die Tour 1997 auch gewonnen hätte, wenn Lance Armstrong dabei gewesen wäre. Hätte der Amerikaner den damals 23-Jährigen wie der Rest der versammelten Radsportelite im Anstieg nach Andorra ziehen lassen müssen? Oder hätte er sich aus dem Sattel erhoben, um Jan Ullrich in die Augen zu schauen und danach einsam als Erster Richtung Gipfel zu stürmen?

Eine Antwort darauf gibt es nicht, denn Lance Armstrong war nicht dabei, weil er gegen den Krebs kämpfte. Vielleicht hat dieser Umstand Jan Ullrich daran gehindert, in die Fußstapfen Raymond Poulidors zu treten.

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