Sport : Träume auf Asphalt

Beim Giro fährt Erik Zabel gegen sein Karriereende an – und Vorjahressieger Cunego gegen seinen Kapitän

Vincenzo Delle Donne[Rom]

Die Rolle des Statisten liegt Erik Zabel nicht. Wer wie er eine Karriere lang im Mittelpunkt stand, sucht auch nach den letzten Herausforderungen.  Der Sprinter des T-Mobile-Teams ist deshalb  weder  als radelnder Beobachter zum 88. Giro d’Italia gekommen noch  betrachtet er  die knapp 3500 Kilometer rund um den Apennin  als Vorbereitung auf die Tour de France. Er träumt von Etappensiegen – mit 34 Jahren.   

Zabel will  zu den Protagonisten der neu geschaffenen Pro Tour zählen. Damit hofft er, das Image des ewigen Zweiten loszuwerden, das sich im Vorjahr verfestigt hat. Der kurze Prolog am heutigen Samstag ist für Zabel die erste Chance für einen Etappengewinn. „Ich werde mein Bestes geben“, sagt er. Doch Zabel trifft auf die derzeit besten Sprinter der Welt: Jaan Kirsipuu, Robbie McEwen, Stuart O’Grady und Lokalmatador Alessandro Petacchi. Der Mailand-San Remo-Sieger Petacchi ist selbstbewusst.  „Alle wollen mich schlagen“, sagt er, „aber ich fürchte vor allem McEwen.“ Zabel erwähnt Petacchi mit keinem Wort.

Insgesamt spielt das T-Mobile-Team in den Überlegungen der Konkurrenz keine herausragende Rolle. In den vergangenen Jahren hatte die Mannschaft nicht teilgenommen, diesmal muss sie mitfahren, um nicht aus der Pro-Tour-Serie ausgeschlossen zu werden. Das Team besteht vor allem aus Fahrern wie Olaf Pollack, die nicht zu den Spitzenkräften zählen. Ist Zabels Teilnahme am Giro also ein Indiz dafür, dass er auf die Tour verzichten muss? Mancher Beobachter sagt ja, das T-Mobile-Team sagt nein. Zabels Teilnahme und die Zusammenstellung des Teams zeigen, dass die Deutschen keine Chance auf den Gesamtsieg sehen.

Die Favoriten sind sowieso andere: Gilberto Simoni und der junge Vorjahressieger Damiano Cunego.  Beide fahren für die  italienische Lampre-Caffita-Mannschaft und sind nicht gerade Freunde. Im Vorjahr trugen beide eine erbitterte Fehde aus. In den   Dolomiten zog  der junge Cunego seinem Kapitän Simoni  davon  und gewann schließlich sowohl die Etappe als auch den Giro.  Lampre-Caffita-Patron Giuseppe Martinelli hat diesmal die Hackordnung so definiert: „Der Kapitän der Mannschaft ist Simoni – so lange, bis die Straße anders entscheidet.“  Die Karriere des 23-jährigen Kletterspezialisten Cunego will Martinelli behutsam aufbauen. „Er weiß, dass ihn dieses Jahr das Debüt bei der Tour de France erwartet“, sagt Martinelli, „da wäre es kein Drama, wenn er nicht den Giro gewänne.“  Cunego selbst gibt sich erstaunlich selbstsicher. „Das wird eine Frage von mir und der Straße sein“, entgegnet er auf die Frage nach einem Giro-Sieg.

Streit bahnt sich auch zwischen Fahrern und Organisatoren an. Die Siegprämien wurden einseitig um 180000 Euro auf insgesamt 1,150 Millionen Euro zusammengestrichen. Zuvor hatte die staatliche Fernsehanstalt RAI ihre Finanzleistungen gekürzt. „Wir werden für den Schutz der Rechte der Fahrer eintreten“, sagt Francesco Moser und droht einen möglichen Fahrerstreik an.  Die Radsportlegende aus dem Trentino ist Präsident der internationalen Fahrerorganisation. Ärger droht den Giro-Organisatoren auch vom internationalen Radsportverband. Er drängt darauf, dass die drei wichtigsten Etappenrennen der Welt (Tour de France, Giro d’Italia und Vuelta) künftig  zentral vermarktet werden.  Die Italiener wollen davon nichts wissen. Sie möchten die Helden des Giro selbst vermarkten – sowohl die neuen als auch die alten.

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