Sport : Tragik und Befreiungsschlag - Blau-Weiß Spandau will Neuanfang machen

Helen Ruwald

Die Ära Kessling beim Handball-Zweitligisten HC Blau-Weiß Spandau ist beendet. "Herr Kessling hat zum HC keine Verbindung mehr", betont der Vorsitzende Uwe Borck nach dem Selbstmordversuch des Sportlichen Leiters, "er muss sich jetzt um seine eigene Existenz kümmern." Der 42-jährige Jürgen Kessling hatte versucht, sich mit einer Überdosis Tabletten das Leben zu nehmen. Der Auslöser dafür könnte letztlich eine starke Verschuldung für den Verein gewesen sein. Er liegt im Krankenhaus und wird von der Außenwelt abgeschirmt.

Borck, der nach seinem Wegzug aus Spandau nur noch losen Kontakt zu seinem Verein hatte, sichtet derzeit Unterlagen und entdeckt täglich neue Altlasten in bislang ungeahnter Höhe. Kessling, ein Handballverrückter, war Mädchen für alles: Sportlicher Leiter, Pressesprecher, Sponsorensucher. Sein Engagement in Spandau, wo einst auch Stefan Kretzschmar spielte, hat zwei völlig konträre Seiten: Einerseits (vorübergehender) Platz in der Bundesliga und Verpflichtung der sowjetischen Olympiasieger Schewzow und Swiridenko. Letzterer ist trotz lukrativer Angebote immer noch Trainer. Andererseits Ausstände bei Spielergehältern, unbezahlte Rechnungen und Probleme in der Zusammenarbeit mit Sponsoren. 1996, als der Verein unter dem Namen Blau-Weiß Koehrich antrat, wurde ein Konkursantrag gestellt. Ob Kessling alleingelassen wurde oder nicht bereit war, Hilfe anzunehmen, ist in der Gewichtung strittig.

So tragisch die Geschichte auf der persönlichen Ebene ist, der Verein begreift sie zwangsläufig als Neuanfang. Henning Opitz, der Vorsitzende des Berliner Handball-Verbands, bezeichnet das Ende der Zusammenarbeit des HC mit Kessling als "Befreiungsschlag" für den Verein. Im Dezember schlossen Blau-Weiß und der finanziell gesunde Oberliga-Spitzenreiter Reinickendorfer Füchse einen Vertrag über eine Spielgemeischaft in der kommenden Saison, Spandaus Klassenerhalt (derzeit 15.) vorausgesetzt. Reinickendorfs Ex-Nationalspieler Klaus Kuhnigk, ein Rechtsanwalt, hatte die Kontakte zu potentiellen Sponsoren hergestellt, die in Westdeutschland Vereine "in die europäische Spitze gehievt haben". Mit ihnen könnte es gelingen, den Berliner Handball aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. "Aber Leute, die in die Zukunft investieren wollten, müssten jetzt in die Vergangenheit investieren", beschreibt Opitz das Dilemma.

Zudem hatte Spandau die bis Jahresende fällige Spielbetriebsgebühr in Höhe von 15 000 Mark noch nicht gezahlt, das Team hätte deshalb gesperrt werden können. Opitz handelte mit dem Deutschen Handballbund eine Ratenzahlung aus, Spandau kann heute in Duderstadt antreten. In zehn Tagen will Borck einen neuen Sportlichen Leiter präsentieren, "einen renommierten Menschen, der von Handball was versteht."

Borck sieht Chancen, Sponsoren zurückzugewinnen und hofft, "Ende der Saison keine Lücken mehr" zu haben. Spieler Jan Orgel ist von der Situation "nicht erstaunt". Er kündigt an: "Wir werden kämpfen, und hoffen daneben auf die Lösung des Problems."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben