Sport : Trainerwechsel: Hoffen auf den Heilsbringer-Effekt

Martin Hägele

Das Hotel "Lindner", das in die BayArena hineingebaut wurde, ist das Schlaf- und Wohnzimmer von Bayer Leverkusen. Wie in den wichtigsten Räumen einer Familie hängen auch hier Bilder an der Wand; solche, die man einfach mag oder halt Porträts irgendwelcher Familienmitglieder. Und weil sich Bayer Leverkusen mittlerweile für den wichtigsten Bundesligaklub hält, hängen auf den Hotelfluren auch die Fotos von anderen Nationalspielern oder bedeutende Szenen aus der Geschichte der ehemaligen Welt- und Europameister. Am häufigsten aber schaut den Besucher aus der Galerie ein Mann an, der mal graue, dann blonde Locken hat: Mittelstürmer Rudi Völler, Liebling von Deutschland, Symbol von Bayer Leverkusen.

Über keinen der aktuellen Profis gibt es so viele nostalgische Stories wie über den Mann, der bis Sonntagabend Sportdirektor bei Bayer war. Wenn das Fußball-Ensemble auf Promotion-Tour ferne Länder bereiste, etwa Thailand, dann wurde Rudi Völler als Fußballkönig von Deutschland gefeiert. Und gefordert, obwohl er schon 38 war, aber zumindest eine halbe Stunde musste er noch mitspielen beim 2:0 gegen Thailands Nationalelf. Mit den Kirstens oder Nowotnys, den heutigen Bayer-Protagonisten, wussten die Leute in Bangkok und anderswo nichts anzufangen. Man könnte aber auch eine Begebenheit aus Hanau erzählen, der Geburtsstadt des Vierzigjährigen. Im dortigen Krankenhaus hat sich vor einiger Zeit der Stationsarzt gewundert, warum sich solch ein Oberpromi wie ein gewöhnlicher Besucher vorstellt: "Guten Tag, mein Name ist Rudi Völler, und ich möchte zu meinem Vater." Die Patienten sprangen auf die Gänge, wollten Autogramme, applaudierten, manche heulten vor Rührung, nur weil sie Rudi Völler gesehen oder gar berührt hatten.

Auf diesen Heilsbringer-Effekt hoffen nun die führenden Vertreter der Bundesliga. Mit ziemlicher Sicherheit wird der Interims-Teamchef am 16. August mit einem donnernden "Ruuudiiii"-Chor begrüßt werden, bei seinem Einstand im Niedersachsenstadion Hannover gegen Spanien. Außer dem 90-maligen Internationalen (dabei schoss Völler 47 Tore) ist bislang nur Ehrenspielführer Uwe Seeler per Vornamen mit der DFB-Auswahl assoziiert worden. Und wahrscheinlich ist ziemlich viel dran an dem Plädoyer Christoph Daums: "Rudi Völler ist ein absolut positiver und gewinnender Typ. Für den bist du bereit, durchs Feuer zu gehen." Man müsse das Gefühl für diese Beziehung bei einigen Nationalspielern nur wieder reaktivieren und den jungen implantieren.

Bei der Pressekonferenz gestern Nachmittag hat Christoph Daum sehr häufig in der Wir-Form gesprochen, wenn er über die Nationalelf redete. Wie stark sich der designierte Bundestrainer (ab Juni 2001) schon jetzt ins DFB-Geschäft stürzt, kann wohl niemand sagen. Ob da Worte oder der Dienstblazer von Bayer 04, mit dem Daum seine Zugehörigkeit zum Klub bewusst demonstrieren wollte, ausreichen?

Seine nächste Entscheidung muss Völler jedenfalls allein treffen. Es sieht nicht so aus, als ob sich Daum bei der Auswahl eines lizenzierten Bundestrainers gleich den ersten Kompromiss seiner zehnmonatigen Dienstzeit von der Liga aufs Auge drücken lassen wolle. "Es muss einer sein, mit dem ich gut kann", sagt Völler. Sein Vertrauensmann, der möglichst auch danach dem DFB erhalten bleibt, soll noch diesen Monat gefunden werden. "Eine Palastrevolution wird es nicht geben", sagt Völler. Wie auch? Die Arbeitsanforderungen haben sich kaum geändert für den Nothelfer. Statt wie Ribbeck, der sein Geschäft stets mit der EM-Qualifikation getarnt hat, zählen für Völler die vier Vorrundenspiele der WM-Qualifikation. Im Vergleich zu seinem Vorgänger besitzt Völler nicht nur den Vorteil seines guten Namens; die neu installierte und noch nicht genau definierte Task-Force unter der Leitung von Karl-Heinz Rummenigge wird bei den unangenehmen Aufgaben helfen. Etwa dabei, einen Effenberg noch mal ins DFB-Boot zu ziehen und den Nationalspielern wieder Benimm und Stolz beizubringen.

Rudi Völler hat angekündigt, viel zu telefonieren in den nächsten Tagen, weil "ich intern sehr direkt bin und das den Leuten auch sage". Auch zu seinen aktiven Zeiten hat es Völler so gehalten. Der Mittelstürmer war intern ein Teamspieler; auffällig ist er nur geworden, als die Publicitysucht von Lothar Matthäus die Weltmeister 1990 nervte. "Der soll das alles seiner Klobrille erzählen", hat Völler damals geschimpft.

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