Sport : Training für die Seele

Andreas Thom versucht vor dem Spiel in Dortmund, Herthas Profis die Lust am Fußball wiederzugeben

Stefan Hermanns

Berlin. Am Donnerstag hat Andreas Thom einen Anruf erhalten, mit dem er in seinem Innersten gar nicht gerechnet hatte. Huub Stevens war in der Leitung, sein Vorgänger als Trainer von Hertha BSC. Erst am Morgen war der Holländer entlassen worden, kurz darauf hatte Thom ihm auf den Anrufbeantworter gesprochen. „Dass er zurückgerufen hat, ist menschlich enorm“, sagte Thom. „Ich glaube, dass das nicht jeder macht.“ Ein „sehr interessantes Telefonat“ sei das gewesen, „wir haben uns über die ein’ oder andere Sache unterhalten“, und dann, so berichtete Thom, habe ihm Stevens viel Glück für seine Aufgabe gewünscht.

Seit zwei Tagen ist Andreas Thom jetzt Trainer des Berliner Fußball-Bundesligisten. Man könnte also sagen, der Berufsanfänger, der erst im September seine Trainerlizenz erworben hat, befindet sich noch in der Einarbeitungsphase. Er sammelt eigene Eindrücke, holt sich Ratschläge von erfahrenen Kollegen – und hat für Eingewöhnung gar keine Zeit. Schon heute steht im Dortmunder Westfalenstadion das erste von maximal drei Spielen unter dem Interimstrainer an. Nur zwei Trainingseinheiten blieben Thom zur Vorbereitung auf die Begegnung mit den Borussen, und am Donnerstag, wenige Stunden nach dem Debakel von Bremen, habe er „mehr im regenerativen Bereich arbeiten“ müssen. Die am Tag zuvor eingesetzten Spieler sind nur gelaufen.

In den nächsten beiden Wochen wird Andreas Thom mit den verunsicherten Berlinern vor allem seelische Regeneration betreiben. Ein paar Einzelgespräche hat Thom schon geführt. „Die Spieler müssen die Köpfe frei bekommen“, sagt er. Manager Dieter Hoeneß hat Thom mit der Hoffnung eingeführt, dass er „ein Stück weit Aufbruchstimmung“ erzeugen werde, „dass eine gewisse Lockerheit in dieser verkrampften Situation einkehrt“. Von taktischen Finessen ist im Moment weniger die Rede. Änderungen wird es wohl geben, denn „wenn ich alles so beibehalten würde, wie es war, würde es ja nicht besser werden“, sagt Thom.

Beim Aufwärmtraining läuft der neue Trainer vorneweg, und in den Übungspausen spricht er mit den Spielern. Pal Dardai zum Beispiel nimmt er in den Arm. Thom hat schon deshalb ein anderes Verhältnis zu den Spielern als Stevens, weil er mit einigen von ihnen vor zweieinhalb Jahren noch gemeinsam auf dem Feld gestanden hat. Der neue Trainer sagt, er habe schon beim ersten Training einen „sehr guten Eindruck“ gehabt.

Jeder Trainerwechsel ist auch ein Neuanfang. „Ich kann da nicht zurückgucken“, sagt Thom. Deshalb gehört Fredi Bobic nach seiner von Stevens verhängten vereinsinternen Sperre wieder dem Kader für das Spiel in Dortmund an. Josip Simunic (Grippe) und der Brasilianer Luizao (Leistenprobleme) fehlen allerdings weiterhin.

Es hätte einen einfacheren Auftakt für den neuen Trainer geben können, aber Thom sagt, für einen Fußballer sei es ideal, in einem fremden Stadion mit einem enthusiastischen Publikum zu spielen. Man müsse nur davon überzeugt sein, dort etwas erreichen zu können. Nach den jüngsten Erfahrungen – drei Niederlagen in Folge – dürfte das Thoms schwierigste Aufgabe werden.

Die aktuelle Situation verlangt den verhinderten Champions-League-Teilnehmern von Hertha neuen Realismus ab. Andreas Thom spricht davon, dass er den Dortmundern ein paar Nadelstiche versetzen wolle. Er ahnt bereits, dass sich das ihm vorschwebende Ideal von schönem Fußball im Westfalenstadion nicht verwirklichen lassen wird: „Von schönem Fußball muss man nicht ausgehen.“ Ein paar Punkte wären im Moment wichtiger.

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